Komm mit mir in die Tiefe

An meine Freunde.

Bitte komm mit mir unter die Oberfläche.

Bitte komm mit mir dorthin, wo man in die menschlichen Tiefen blicken kann, und sei mit mir dort. Ich will nicht allein sein an diesem Ort, wo ich nichts mehr verbergen kann. Ich habe keine Lust mehr, mich für mich zu schämen, nicht vor mir und nicht vor dir. Ich habe keine Lust mehr, das Gefühl zu haben, alle meine Gedanken und Gefühle und Ideen gründlich filtern und kontrollieren zu müssen, bevor ich sie dir mitteile, weil du mich sonst auf einmal ablehnen könntest. Immer mit der Lüge im Hinterkopf – wenn du mich nur wirklich kennen würdest, würdest du nichts mit mir zu tun haben wollen. Ich hab keine Lust mehr auf das Schauspielern einer idealisierten Version von mir selbst. Die bin ich nicht. Die gibt es nicht. Es gibt nur mich.

Bitte komm mit mir hinter die Fassade, dorthin wo es bröckelt und krumm und schief ist. Ich will in deine Augen sehen und mir dann ganz sicher sein können, dass du mich nicht verurteilst. Dass du nicht auf Abstand gehst, sobald es hässlich wird. Mein Kopf weiß schon lange von dir, dass du Gnade für mich hast, aber mein Herz muss noch nachziehen.

Ich will bei dir sein können ohne den verkrampften Versuch von Selbstbeherrschung. Ich will ganz frei sein können, ohne Angst, dass etwas Verborgenes, Hässliches seinen Weg an die Oberfläche findet. Ich will ganz entspannt sein können, weil ich weiß: Selbst wenn da etwas hochkommt, magst du mich immer noch, willst du mich immer noch zu deinen Freunden zählen.

Bitte komm mit mir, lerne mich mehr und ganz kennen, und bitte sei mit mir da wo ich bin.

Der Mensch hinter deinem Gesicht

Du sitzt da und redest mit mir, erzählst mir irgendetwas von Klischees über Männer und Frauen und die Männlichkeit von gesunder Ernährung. Du redest mit mir, und ich frage mich, wer diese Person eigentlich ist, mit der ich da spreche. Was hinter deinen Worten steckt. Was hinter deinen Bewegungen steckt. Was hinter deiner Mimik steckt. Was hinter deiner Stirn steckt.

Ich kenne dich kaum, verglichen mit dem, was es da alles zu kennen gibt. Wie viele Dinge tut der Mensch an einem Tag? Wie viele Dinge lässt er? Wie viele Gefühle hat der Mensch an einem Tag? Wie viele Gedanken? Wie viele Themen geistern dem Menschen an einem Tag im Kopf herum? Wie viele Ideen? Ängste? Freunden? Fantasien? Aus wie vielen Motiven handelt der Mensch an einem Tag? Aus wie vielen Überzeugungen? An einem einzigen Tag? Heute? Und wie ist das mit einer Woche? Einem Monat? Einem Jahr? Einem Lebensabschnitt?

Ich weiß nichts von dir. Du redest mit mir und ich weiß nichts. Dein Gesicht ist schön, doch ich habe keine Ahnung, wie der Mensch dahinter aussieht.

Von wem weiß ich überhaupt etwas? Wen kenne ich? – Gibt es da überhaupt jemanden? Bei einigen Menschen streife ich einen Bruchteil dessen, was sie sind, doch selbst diejenigen, die ich am besten kenne, sind so viel größer als alles, was ich je sehen könnte.

Wie könnte ein Mensch je behaupten, einen anderen zu verstehen?
Wie könnte es ein Mensch je wagen, einen anderen zu beurteilen?
Wie könnte sich ein Mensch je über einen anderen Menschen stellen?

Du redest mit mir und das alles, was du sagst und was du bist, ist nicht so simpel wie es klingt. Du bist nicht so unscheinbar, wie du immer tust. Du bist so viel mehr als das, was ich weiß. Da gibt es so viel mehr, was man nachvollziehen könnte.

Aber ich verstehe ja nicht mal mich selbst.