Menschen reden

Eine Notiz, die ich auf einem Geburtstag vor einigen Monaten mit Kulli auf eine Servierte gekritzelt habe.

Menschen reden
Viel, denn sie haben kein Ziel
in alle Richtungen
voneinander weg,
doch erreichen das selbe.
Nämlich das Sinnlose.

Langsame Schritte

Meine Schritte sind langsam. Ich gehe furchtbar gern langsam. Allerdings nur, wenn es schön ist. In Orten und Städten voller Menschen und künstlicher Strukturen gehe ich schnell, aber hier gehe ich langsam.

Um mich herum ist Gras. Ich kann mit meinen Fingern hindurch streichen, ohne mich zu bücken, so hoch ist es. Da sind Blumen und Kräuter und Disteln, und dann ist da noch der Himmel. Und da bin ich, und ich fühle mich, als wäre ich ein junges Tier, ein Fuchs oder ein Fohlen oder ein Reh und noch etwas ganz anderes. Ich bin frei und jung und stark und wild und verspielt und hier und jetzt und glücklich und ach – ich bin Teil von dem allem hier, kein Fremdkörper in der Natur. Ich fühle mich, als wäre ich nach Hause gekommen. Meine Lunge ist voll mit frischer Luft, und es riecht nach Ruhe und nach kleinen Geheimnissen. Es riecht nach Streunen. In bin so herrlich unbeobachtet. Keiner weiß, dass ich hier bin. Keiner sieht, was ich tue, und mein Gehirn ist befreit von Gedanken über mein Auftreten und dem Ich in den Augen anderer.

Ich renne in bisschen, und dann gehe ich wieder ganz langsam. Ich bleibe stehen, um mir eine Blume anzusehen, und wähle meinen Weg nach der Höhe der Gräser. Schließlich komme ich am Waldrand an. Da steht er, mein Hochsitz. Alt und halb kaputt, wenige Meter hinter der Wiese, mit einem wundervollen Ausblick. Ich steige über den umgekippten Stacheldrahtzaun, bahne mir meinen Weg durch Brenneseln und Gestrüpp und kletter die rostige Leiter hoch. Ich klappe das eine Brett um, das noch von der Bodenklappe übrig geblieben ist, und setze mich darauf. Atme durch.

Und dann muss ich weinen. Auf einmal kommen Tränen hoch, immer mehr und immer mehr. Weil ich diese Welt manchmal nicht ertragen kann. Weil sie zu schwer für mich ist. Ich kann gar nicht mehr aufhören, und dabei weiß ich gar nicht so wirklich, was jetzt gerade so schlimm ist. Der Wind streicht durch meine Haare und macht sie durcheinander. Alles in mir tut weh. Ich kann nicht mehr. Auf einmal hab ich vergessen, wo mein Platz ist. Ich fühle mich eingesperrt. Man, ich bin doch wild! Ich will doch raus, ich brauch mehr Zeit, was soll denn das. Ich finde die Wunden nicht, die so wehtun. Ich verstehe mich nicht. Woher kommt das auf einmal? Kann nicht mehr, kann einfach nicht mehr.

Irgendwann, und ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, habe ich mich wieder beruhigt. Ich trockne mein Gesicht ab und warte, bis mein Atem nicht mehr so zittrig ist. Dann mache ich mich wieder auf den Weg zurück – was bleibt mir auch anderes übrig? Ein Fuß vor den anderen. Meine Schritte sind langsam.

„süß“ aussehen – okay, aber …

Kennt ihr diese übertrieben kitschigen, pseudo-tiefgründigen und mit Rechtschreibfehlern durchsetzten Texte oder Sprüche, die vor allem von träumerischen Mädchen im Vor-Teenie-Alter auf Facebook verlinkt, geteilt und gelikt werden? Letztens bin ich mal wieder auf so einen gestoßen. Es war eine Liste mit Anweisungen, wie eine Freund seine Freundin zu behandeln habe, und ein Punkt auf der Liste war, er solle ihr sagen, dass sie süß aussehe, wenn sie wütend sei.

Moment mal – WAS?!! Mein lieber zukünftiger Freund, wenn du das auch nur ein einziges Mal machst, bist du tot. Ich will doch nicht süß aussehen, wenn ich wütend bin! Wenn ich wütend bin, dann will ich einen Blick drauf haben, der allen das Gefühl gibt, winzig kleine, schutzlose Kellerasseln zu sein. Wenn ich wütend bin, dann will ich so eine unbändige Kraft haben, dass alle sich selbst und alles, was ihnen lieb ist, in Deckung bringen, weil klar erkennbar ist, zu was ich dann in der Lage bin. Wenn ich wütend bin, soll allen klar sein, dass ich die Welt verändern kann und mehr. Dann soll mich keiner, aber wirklich auch keiner, als „süß“ etikettieren, selbst wenn es mein Freund ist. Wer will denn süß aussehen beim wütend sein? Wer wünscht sich denn sowas? Hä?! Ich verstehs nicht.

Also, nur damit das klar ist: DU nennst mich NICHT süß, wenn ich wütend bin!

Selbstlob stinkt?!

Tut es das?

Was ist das für eine Kultur, in der man sich selbst nicht loben darf?
Was ist das für eine Kultur, in der man nicht stolz auf sich sein darf?
Was ist das für eine Kultur, in der Minderwertigkeitskomplexe als Tugend gelten?
Was ist das für eine Kultur, in der man sich immer schlecht finden muss, damit andere einen gut finden?
Was ist das für eine Kultur, in der man sich schlecht machen muss, um nicht als arrogant zu gelten?

Wo bleibt denn da das realistische?

Hör mir mal zu.
Du hast Schwächen und Stärken, und es zeugt von Charakter, wenn du beides zugeben kannst. Du bist nicht bescheiden, wenn du deine Fähigkeiten und Stärken herunterspielst. Davon bist du auch nicht arrogant, wenn du sie benennst. Arrogant bist du, wenn du dich aufgrund dessen für jemand besseren hältst.

Es ist gut, realistisch zu sein. Tu nicht so, als hättest du keine Stärken. Tu nicht so, als wärst du schlechter als alle anderen. Tu nicht so, als hättest du keine Schwächen. Tu nicht so, als wärst du besser als andere.

Und spiele vor allem nicht vor, du würdest dich schlecht finden, um Komplimente und Ermutigung zu ernten, und dich insgeheim doch irgendwie für besser hältst.

Wenn sich jemand selbst lobt oder stolz auf sich ist, und es stört dich, dann frag dich mal, warum.

Selbstlob stinkt nicht. Wenn Selbstlob in deiner Nase stinkt, dann prüfe mal, wie hoch du deine Nase trägst.

Ich bin schön.

Für Martin (*klick*)  und Luisa (*klick*). Danke, dass ihr mir zu dem Thema nochmal auf eine andere Weise die Augen geöffnet habt.

Ich bin schön.

Moment mal – guck doch mal in den Spiegel. Wie schief dein Mund ist. Deine Nase hat ne merkwürdige Form und ist zu groß. Du hast viel zu viele Pickel. Dein Gesicht hat gar keine Anmut!

Ich bin schön.

Und guck erst mal deine Figur an. Is nichts mit Modellmaßen! An dir ist doch nichts dran! Du siehst lange nicht feminin genug aus. Und du bist viel zu knochig. Du bewegst dich auch nicht hübsch. Zu eckig, zu zittrig, irgendwie komisch. Du hast so einiges zu kaschieren.

Ich bin schön.

Wenigstens solltest du dich schöner kleiden. Die Farben müssen besser abgestimmt werden und die Sachen müssen besser zu deiner Figur passen. Und schminken kannst du dich auch nicht vernünftig. So bist du doch nicht schön!

Ich bin schön.

Ich bin einfach schön!

Bist du bereit?

Bist du bereit?

Bist du bereit, vom Fragen zum Tun überzugehen? Bist du bereit, nicht mehr zu argumentieren, sondern zu entscheiden? Bist du bereit, loszugehen? Bist du bereit, zu geben, was du hast? Bist du bereit, deinen Zweifeln keine Macht mehr zu geben? Bist du bereit, mutig zu sein? Bist du bereit, deine Trägheit hinter dir zu lassen?

Bist du bereit, so manches aufzugeben und zurückzulassen für die Dinge, von denen du tief innen weißt, dass das die wirklich entscheidenden Punkte sind? Bist du bereit, dich selbst zu disziplinieren und dich konsequent von dem zu trennen, von dem du eigentlich weißt, dass es eher destruktiv ist? Bist du bereit, dich nicht mehr für Fehltritte und moralische Grauzonen zu rechtfertigen? Bist du bereit, dich zu entschuldigen? Bist du bereit, dich zu überwinden für das, was dir schwer fällt, sei es ehrlich sein, Menschen vergeben, geduldig sein oder etwas anderes? Bist du bereit, in Menschen zu investieren?

Bist du bereit, deine Sicherheit aus deiner Hand zu geben, weil sie in deiner Hand eine Illusion ist? Bist du bereit, zu fallen? Bist du bereit, auf dem Boden zu liegen und getreten zu werden? Bist du bereit, zurückgelassen zu werden? Bist du bereit, dann wieder aufzustehen? Bist du bereit, wieder aufzustehen, wenn keiner dich dazu auffordert? Bist du bereit, dich nicht entmutigen zu lassen? Bist du bereit, zu vertrauen, egal was passiert?

Bist du bereit?

Someone

(Vorsicht: Erster veröffentlichter Beitrag auf Englisch. Seid gnädig mit mir.)

Für den, der mich auf dem Sommerlager ganz unerwartet gefragt hat, wie es mir eigentlich geht, als ich mich gerade gar nicht wahrgenommen gefühlt habe. Danke, Junge.

Someone looking at me
Someone talking to me
Someone interested in me
Someone addressing right me
is someone who makes the difference.