Die Macht der Imitation

Oder auch das Meta-Silas-Prinzip

Ich will euch von einem Typ erzählen. Der Junge strahlt Ruhe aus. Entspannung. Ich habe ihn noch nie gestresst erlebt, auch nicht in Momenten, in denen viele andere mir bekannte Menschen gestresst reagieren würden. Aber er nicht. Auch wenn er etwas sagt – er lässt sich Zeit, das zu sagen, was er will. Manchmal kündigt er schon durch eine Geste oder ein Luftholen an, dass er gleich etwas sagen will – macht noch mal ne Pause – und sagt es dann erst. Ich weiß nicht, ob er solche Worte wie „Hektik“ überhaupt mit seinem eigenen Leben verbinden kann oder ob das für ihn nicht eher der Name dieses merkwürdigen Phänomens ist, wenn andere Leute unnötig kopflos und unentspannt werden.

Nun ja – ich bin nicht so. Und Inga, eine Freundin von der ganz feinen Sorte, auch nicht. Wären wir aber manchmal gerne. Manchmal machen wir uns Stress und sind innerlich unter Strom oder hektisch wegen tausend Dingen – und uns ist schon klar, dass das nicht zwingend hilfreich ist. Aber irgendwie … hm.

Irgendwann haben wir dann das Silas-Prinzip aufgestellt. Silas-Prinzip, weil der Typ Silas heißt – jedenfalls nenne ich ihn hier aufm Blog mal gerade so. Das Prinzip besagt: Hast du unnötig Stress, machs wie Silas, also ganz entspannt. Stell dir ihn vor, fühl dich in diese Ruhe rein, die er ausstrahlt, und mach es so, wie er es wahrscheinlich tun würde. Und es klappt. Wirklich.

Ich stelle deswegen jetzt das Meta-Silas-Prinzip auf. Es ist die Kraft der Imitation. Nach und nach habe ich nämlich beobachtet, dass Imitieren eine verdammt effektive Form von Lernen ist – nicht nur, wenn Kinder Sprechen lernen oder wenn man eine Sportart übt, sondern eigentlich bei allem. Was sonst kompliziert und ellenlang beschrieben, verstanden und umgesetzt werden müsste, ist beim Imitieren intuitiv ziemlich richtig umgesetzt.

Ich weiß nicht, warum wir das irgendwann vergessen und aus den Augen verloren haben.

Ein Schlussstrich

(Ins-Leben-Geschreibe.)

Es ist vorbei,
und ich lasse alles hinter mir, den ganzen Scheiß, den ganzen Minderwert. Lasse ihn los, lasse ihn fallen, denn ich brauche ihn nicht mehr. Ich weiß jetzt, wer ich bin, und dass ich es wert bin. Ich gehe weiter, gehe los, raus aus diesem Land der vernichtenden Worte, den immer gleichen Wunden.

Es ist vorbei,
und es gibt keinen Grund, zurück zu schauen. Ich erwarte nichts und hoffe viel, habe mein Herz in der Hand, und es ist ganz groß. Ich weiß, es wird nicht einfach alles neu, und dennoch ziehe ich jetzt den Schlussstrich, ziehe ich jetzt hier eine dicke Linie, und weiter darf das alles nicht. Keine Stimme darf diese Linie übertreten, kein einziges abwertendes Wort.

Es ist vorbei,
und keiner kann mich zurückschicken. Keiner hat das Recht, mich aufzuhalten. Es wird alles an mir abperlen. Eines Tages wird alles an mir abperlen und ich werde sicher stehen. Und dahin gehe ich jetzt, egal, wie viele Schlussstriche ich dafür noch ziehen muss.

Es ist vorbei,
sage ich und lasse es hinter mir.

Dein Geheimnis von Leben

Du kennst ein Geheimnis über das Leben, das mir noch fremd ist.

Du strahlst etwas aus, ein tiefes, tiefes Genießen vom Leben. Wenn ich dich sehe, spiegeln sich in deinen Augen tausend lebenswerte Momente wieder. Dein Lächeln gehört zu deinem Gesicht wie deine Sommersprossen, und ich liebe es. So einfach und so wunderbar.

Dein Herz ist offen. Da ist so viel Liebe, die du im Überfluss hast und so reich gibst. Bei dir zu sein tut so gut. Warm und hell wird es in deiner Nähe ums eigene Herz, weil dein Herz das ausstrahlt. Ohne etwas zu sagen, sagst du doch: „Hier bist du angenommen. Du bist ganz wunderbar wertvoll.“ Offene Arme und ein weiches, liebevolles Herz, das finde ich bei dir.

Ich möchte das auch. Ich weiß nicht, wie du das machst oder wo das herkommt, aber ich will das auch. Ich möchte ein so weiches, mit Liebe und Wärme gefülltes Herz haben wie du, und genauso ein Licht sein wie du. Ich möchte anderen Menschen auch so gut tun. Ich möchte lernen, das Leben in so tiefen Zügen zu genießen wie du es tust, so viel Freude daran zu haben. Das ist so sehr mein Wunsch.

Bitte führe mich in dieses Geheimnis hinein.
Bitte zeig mir, wie du die Menschen und dein Leben liebst.

Die Augen eines Kindes

(c) Hartmut Schwarzbach

(c) Hartmut Schwarzbach

Wer erinnert sich an dieses Foto?

Es hat 2007 den dritten Platz beim Unicef Foto des Jahres gemacht. Das Mädchen auf dem Bild ist neun – genauso alt wie ich damals. Weitere Hintergundinfos zu dem Foto findet ihr hier.

Ich weiß noch, wie ich das Bild angesehen habe, das Mädchen, und nach einer Weile sagte:

„Ich wäre gerne sie.“

Meine Mama und mein großer Bruder waren geschockt. Mein Bruder meinte, ganz bestimmt nicht, und Mama meinte, das sei doch schlimm. Und dann fragte sie:

„Warum wärst du denn gerne sie?“

Irritiert sah ich die beiden an. Was war denn los? Warum verstanden sie das Bild denn nicht?

„Sie ist glücklich“, war die schlichte Antwort aus meinen kindlichen Augen.

Drei Gamer und ein leerstehendes Haus

Und wie das so ist mit mir und Gruppen von Jungs oder Mädchen. Und generell Menschen.

Abend, dunkel.

Dabei: Baustrahler, Kabeltrommel, zwei Handys mit Taschenlampenfunktion und drei Jungs.

Plan: Locationsichtung für ein Filmprojekt.

Ein Haus, das wohl schon eine ganze Weile leer steht. Das heruntergekommen ist. Das groß ist, viele Räume hat. Das an einer wenig befahrenen Straße steht. Das nur im Keller Strom und Licht hat. Mit Spinnen. Mit Staub. Mit vereinzelten, total zufällig wirkenden Gegenständen in manchen Räumen. Mit einer irgendwie surrealen Atmosphäre.

Kurzum: Ein Haus mit Grusel-Potential.

Oder, wenn man mit drei Gamern unterwegs ist:

Mit definitivem Paintball-Potential. Viele Nebentüren, Ecken, Kanten, Flure, und dann doch wieder viel Freiraum. Alles darf kaputt gemacht werden und dreckig werden – wird eh bald abgerissen, das Haus. Ein Traum.

Mit Computerspiel-Bezüge-Potential: „So ein Flur wär bei nem Shooter das schlimmste. Da durch zu müssen…“ „Dieses Haus könnte genau so in diesem blabla Horror-Game vorkommen.“ Und ganz viele andere, die ich vergessen habe, weil ich sie nicht ganz verstanden habe, so als Passiv-Pseudo-Gamerin.

Außerdem Foto-Potential. Mit nur einem Baustrahler wird auf dem tiefer liegenden Dach ein episches viereinhalb-Minuten-Fotoshooting veranstaltet. Von dunklen Silhouetten vor einem einschüchternden Haus.

Und Blödel-Potential. Alte Kassenbücher durchgucken, auf einen uralten Aufzug klettern und sich gegenseitig erschrecken …

Irgendwann kommt mir ein Gedanke: Mit Mädchen würde das alles so viel anders ablaufen. Jedenfalls, wenn sie sich so richtig „Mädchen“ verhalten. (Klar, gibt glücklicherweise auch genug andere.) Dann wäre Panik, Gekreische und Gekicher angesagt. Dann wäre ich die, die Ruhe reingeben würde, Spinnenweben wegmachen würde und als erste um die Ecken und in Zimmer reingehen würde. Eine Rolle, die ich schon so oft ausgefüllt habe und inzwischen fast automatisch einnehme – die Vorangeherin.

Aber jetzt ist das anders.
Jetzt genieße ich heimlich für mich das kleine, aufregende Angst-Gekribbel, wenn ich als erste in einen finsteren Raum gehe, und die darauf folgende kleine Erleichterung, wenn auch diesmal tatsächlich nichts völlig Irrationales passiert ist.
Jetzt genieße ich, dass man mich fast gar nicht erschrecken kann und lasse die Jungs ihr Glück versuchen – natürlich erfolglos.
Jetzt genieße ich die ganze Atmosphäre und habe die Zeit und den Platz, mich faszinieren zu lassen von dem allem, was da um mich ist.
Jetzt genieße ich das alles sehen, kommentieren, ausprobieren wollen der Jungs, ihre Begeisterung, ihre Fusseln im Kopf und den Blick aus ihren Augen.
Jetzt genieße ich es, da zu sein als ein Teil der Gruppe, der vom Projekt her Kern ist und doch irgendwie sehr rausfällt, um dann doch in vielerlei Hinsicht auf selber Wellenlänge zu sein – lustiges Gefühl.

Ich fühl mich wohl. In diesem Haus. Mit den Leuten. Fühle mich innen drin total sicher und gut aufgehoben, und bin gleichzeitig aufgeregt.

Der Energietank war nur so schnell leer. Ich hätte das Herumstreunen irgendwie noch länger auskosten gewollt. War am Ende so platt und nicht mehr wirklich denk- oder aufnahmefähig.

Trotzdem. Leerstehendes Haus mit drei Gamern angucken – Daumen hoch. Gefällt mir.

Was sagst du, wie du bist?

Manchmal frage ich mich, wann ich eigentlich beschlossen habe, dass ich soundso bin.

Zum Beispiel, dass ich einfach nicht der Typ für Partys bin – zu laut, zu anstrengend. Oder, dass ich ein ernsthafter Mensch bin. Oder, dass kein besonderes Talent bei Musik habe.

Das ist, als hätte ich mich inzwischen darauf festgelegt, dass das so ist. Will ich aber nicht mehr. Ich will diese selbstgemachte Einschränkung nicht mehr haben.

Weil Partys mir auch mal Spaß machen. Und ich bin durchaus oft ein ziemlich fröhlicher und alberner Mensch. Und sogar Lieder schreiben tue ich inzwischen.

„Ich bin einfach nicht der Typ für sowas.“
„Ich kann nicht singen / tanzen / vor Leuten reden / Mathe / auf Leute zugehen / mich beherrschen / das ansprechen …“
„So bin ich nicht. Ich bin schüchtern / unsportlich / unmusikalisch / ungeschickt / vergesslich / launisch / ungeduldig / zu jung / hässlich / inkonsequent / zu dumm dafür …“
„Ich habe kein Durchhaltevermögen / Talent zu schreiben / Gefühl für Mode / …“

Wer sagt das denn, dass du so bist? Wer kann das schon wissen? Willst du wirklich, dass das für dein Leben feststeht? Willst du dich danach richten, so leben? Willst du dich damit abfinden?

Also, ich will mich nicht mehr damit abfinden. Ich hab bei mir jetzt Warnblinker installiert. Die gehen los, wenn ich merke, dass ich mal wieder irgendetwas über mich sage oder mich nach etwas richte, was ja gar nicht so sein muss. Und dann breche ich mit diesen Aussagen. Die haben überhaupt keine Macht mehr über mich.

Statt zu sagen „Ich kann einfach nicht langsam reden“, habe ich gesagt „Ich lerne jetzt, langsam zu reden“, und inzwischen kann ich das ganz gut. Wenn ich will.

Und statt zu sagen „Tanzen ist einfach nicht mein Ding“, war ich feiern und tanzen. Hat Spaß gemacht.

Statt zu sagen „Ich kann einfach nicht diszipliniert lernen“, sage ich jetzt „Ich kriege gerade raus, wie ich das schaffen kann mit dem Lernen“, und ich weiß jetzt schon, dass das einen Unterschied machen wird.

Das kannst du auch. Mach mal.
Du sagst, wie du bist. Du entscheidest, ob etwas so feststeht und bleibt oder ob das veränderbar ist.
Sei klug.