Die Königin der Tanzfläche

In all dem pulsierenden Geschehen der Tanzfläche, dem Flirten und dem Rausch, dem Spaß und der Leichtigkeit, der Unsicherheit und dem Scham, den tanzenden Lichtern und vibrierenden Bass, zwischen all den vielen tanzenden Menschen ist die Königin.

Sie bewegt sich zur Musik, als wäre diese ein Teil von ihr. Etwas in ihr ahnt, was der DJ vorhat, wie Lieder verlaufen. Sie lebt es aus. Am Rande der Tanzfläche hat sie den Platz für sich eingenommen, den sie braucht, denn sie bewegt sich gerne, nutzt gerne ihren ganzen Körper und den ganzen Platz. Trotzdem wirkt etwas an ihr ganz ruhig. Sie ruht in sich selbst. Sie ist nicht ausgerichtet auf Menschen um sich herum – tanzt nicht um ihre Anerkennung, ihre Attraktivität, die Blicke – sondern ist ganz in der Musik, in sich, und es fühlt sich an, als wäre beides das selbe. Sie nimmt andere wahr, lächelt sie an, geht ab und zu auf Bewegungen ein, und doch wirkt etwas an ihr erhaben, erhaben über diesen Moment. Ein Moment, der ihr gehört.

Sie ist eine Königin, die Königin der Tanzfläche.

Der Denkerlehrling

Weil Nebenfiguren manchmal die spannendsten Charaktere sind.

Vielleicht gerade so gestreift habe ich die Welt des Denkerlehrlings. Heimlich beobachtet hingegen habe ich ihn immer, aus großem Abstand heraus. Ein Abstand, der wohl nur da war, weil sich keiner von uns beiden je bemüht hat, ihn zu überwinden. Mein Beobachten rührte nicht daher, dass er ein Junge war und ich ein Mädchen – wobei sein hübsches Gesicht durchaus ein Grund hätte sein können. Nein, vielmehr beobachtete ich ihn, weil er etwas an sich hatte, das mich faszinierte. Etwas Aufrechtes, Aufrichtiges.

Auch, wenn ich das wohl nie zugegeben hätte, suchte ich immer wieder heimlich seine Nähe, um seine Weltsicht zu belauschen. Es gab viel intellektuellere Schüler in seinem Freundeskreis. Sie waren Zyniker und Lästerer – ein Umgang mit Intelligenz, der mich immer abgeschreckt hat. Er war nicht so einer. Er knickte nicht ein vor all den schlauen Formulierungen und herablassenden Kommentaren, der er bekam, wenn er mal wieder anderer Meinung war. Das machte seine Worte für mich einmal mehr glaubwürdiger, wahrhaftiger. Ohne sich einengen zu lassen, blieb er bei dem, wer er war, was er dachte. Ich konnte das nie so gut. Meine große Klappe kannte zwar jeder, aber innerlich war ich wohl nie so standfest, wie viele erwarteten – vor allem nicht gegenüber Menschen, die ich als intelligenter als mich einstufte.

Als ich irgendwann erfuhr, dass der Denkerlehrling sang, wurde er in meinem Kopf ein Künstler. Vielleicht nicht nur ein Sänger, sondern auch ein Poet. Poet – das passte zu ihm. Es war nur eine Assoziation, aber ich blieb dabei. Irgendwohin musste das alles ja, was er mit seinen aufmerksamen, braunen Augen ständig aufzunehmen schien. Es wirkte auf mich, als würden all diese Eindrücke in seinem Kopf noch lange weiterarbeiten – ein Denker. Ich mochte, dass er sich nicht für sich, sein Singen oder seine Gedanken schämte. Ich schämte mich für alles mögliche an mir, ob es meine Hobbies oder Ansichten oder Witze waren. Er war so viel und konnte so viel, was ich auch wollte, und die Selbstverständlichkeit, mit der er das alles war und tat, zog mich an.

Manchmal musste ich auch über ihn lachen. Es kam vor, dass er auf irgendeiner kleinen, merkwürdigen Eigenheit beharrte oder eine Meinung vertrat, die mir völlig abwegig vorkam. Manchmal beschäftigte er sich mit Themen, die mir in einer Lebenszeit nicht relevant erscheinen könnten. Aber er tat all das mit so schlafwandlerischer Sicherheit und Freude am Leben, dass ich auch das an ihm nur gern haben konnte.

Die Art, wie er unserem Deutschlehrer, dem weisen, alten Denker, zuhörte, brachte mich dazu, ihn Denkerlehrling zu taufen – seine Aufmerksamkeit, sein aufrechtes Sitzen, sein überlegtes Fragen. Er bewunderte diesen Lehrer. Ich auch. Wir liebten es, wie er uns zum Denken anregte, wie er sich und uns für Literatur begeisterte und wie er uns von seiner gestandenen Weisheit weitergab. Ich liebte an seinem Unterricht außerdem, dass ich in die Gedankenwelten der anderen Schüler sehen konnte – insbesondere in die des Denkerlehrlings. Aus sicherem Abstand konnte ich beobachten.

Vielleicht habe ich nie Anstalten gemacht, ihn wirklich besser kennen zu lernen, weil ich mir so plump vorkam. Er redete nicht so viel dummes Zeug wie ich, riss seinen Mund nicht so weit auf, blieb klarer und aufrichtiger bei sich. Bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass da viel Tiefe ist. Eigentlich wollte ich diese Tiefe kennen lernen. Aber ich war mir peinlich, und auch meine Hochachtung ihm gegenüber war mir peinlich, und ich wollte ihm auf keinen Fall hinterherlaufen oder bedürftig und anhänglich wirken. Also verschwieg ich meine Gedanken, tarnte meinen Respekt als irgendetwas zwischen Gleichgültigkeit und Albernheit, vielleicht sogar Sarkasmus, und blieb bei dem Abstand.

Jetzt ist der Denkerlehrling weg, denn die Schule ist vorbei. Ich kenne ihn zu wenig, um ihn zu vermissen. Vielleicht gerade so gestreift habe ich seine Welt. Ich bereue, nie den Mut aufgebracht zu haben, ihm meine Fragen zu stellen und nach seinen Geschichten zu fragen. Vielleicht hätte er mich eingelassen in seine Welt und mir Einblick gewährt in seine Tiefe. Vielleicht hätte ich von seiner Aufrichtigkeit lernen können. Vielleicht hätte er mich als nicht so plump empfunden wie ich mich selbst. Vielleicht hätten wir unsere Gedanken und Worte zelebrieren können und so etwas sein können wie – Freunde.

Doch nur beobachtet habe ich ihn, heimlich, aus einem großzügigen Abstand, den es gab, weil weder er noch ich je Anstalten gemacht haben, ihn zu überwinden. Vielleicht gerade so gestreift hat er meine Welt, und doch hat er einen Eindruck, einen Einfluss in meiner Welt hinterlassen, den er wohl nie beabsichtigt hat und nie erahnen wird. Der Denkerlehrling.

Epilog

Das Verrückte ist, dass er eigentlich gar nicht weg ist. Eigentlich haben wir die beinahe letzte Gelegenheit genutzt, bei der wir uns hätten treffen können, und er hat mir Texte von sich gezeigt. Er ist tatsächlich ein Poet, und was für einer. Einer von der Sorte, bei denen jedes Wort bedeutsam erscheint. Ganz vielleicht besuche ich Denkerlehrling und Freunde mal in ihrer WG. Und dann passiert vielleicht gar nichts. Oder ganz viel. Wer weiß das schon.

Hinterfragt und aufgewacht

„Aber warum wollen Sie sich denn verändern?“,

fragt mich mein ehemaliger Deutschlehrer auf der Abiturentlassungsfeier. Was diesen Menschen unter anderem ausmacht, ist sein Hinterfragen von Dingen, die sonst irgendwie keiner hinterfragt. Ich habe ihm gerade von meinem Auslandsjahr erzählt und nebenbei erwähnt, dass ich verändert zurück kommen will. Und dann stellt er mir diese Frage.

Und ich bin sprachlos.

Irgendwie war das immer einfach so klar. Auslandsjahr heißt sich entwickeln. Alle sagen immer, so etwas ist total die prägende Zeit und so. Ich wollte das einfach auch.

Ich merke, wie unzufrieden ich mit mir bin. Die Art und Weise, wie ich mich benehme, wie ich wirke, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, was für eine Freundin oder Schwester ich bin, mein Egoismus, mein Trotz, mein Selbstwert… Das ist alles noch nicht so, wie ich das will. Ich bin das oft nicht gerne. Ich will mich entwickeln, um zufriedener mit mir zu sein. Außerdem kann man mit einem Auslandsjahr gut angeben und dann kriege ich Anerkennung. Auch das macht dann, dass ich zufriedener mit mir bin.

Irgendwo in mir zieht etwas ziemlich skeptisch die metaphorische Augenbraue hoch.

‚Warum wollen Sie sich denn verändern?‘, klingt es nach in meinem Herz. So viel, was in dieser Frage mitschwingt.

So viel Wertschätzung. So viel: ‚So, wie du bist, ist es doch gut.‘ Und auch, wenn mir das nicht zwingend gefällt, macht diese Wertschätzung sehr viel mit mir. Aber da ist noch mehr. Diese schlichte Frage malt ein großes Fragezeichen hinter mein immer weiter kommen wollen, immer reifer werden wollen. Hinter meine rastlose Jagd nach dem, wer ich gerne wäre, aber einfach nicht bin. Hinter meine Selbstkritik.

Ich seufze. Kaum hat man mal was, was ausnahmsweise mal alle toll finden, und schon taucht ein fast vergessener Mensch auf, stellt alles in Frage und hat damit auch noch Recht.

Natürlich werde ich gehen. Ich glaube, ich muss nur vorher noch mal gründlich bei meinen Motiven aufräumen.

Als ich mich später von meinem Lehrer verabschiede, sagt er zu mir: „Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und verändern Sie sich nicht zu sehr!“ Ich grinse. „Ich werd mich bemühen!“ Und dann ist er weg, der weise alte Denker mit seinen Fragen, lässt mich zurück mit einer gesunden inneren Unruhe – einer Unruhe, die weiß, dass Selbstannahme nicht auf Veränderung beruhen kann.

Mein Zimmer, meine Heimat

„Was machen wir eigentlich mit Sinas Zimmer, wenn sie weg ist?“, stellt mein Bruder beim Mittagessen in den Raum.

Mein Zimmer.

Mein Zimmer, mein allersicherster, allergeschütztester Raum. Mein Reich, wo ich einfach machen kann, was ich will. Wo ich sein darf, wie ich will. Wo ich Menschen ganz nach Belieben reinlassen und rausschicken kann. Den Ort, den ich ganz genau so gestalten kann, wie ich ihn am allerliebsten mag. Wo ich mich entspanne und bete und Zeit vergeude und Klavier spiele und lese und schlafe und arbeite und weine und schreibe. Der Ort, an den ich immer und immer wieder zurück kehre, zurück kommen kann. Hier gehöre ich hin. Diesen Ort vermisse ich, wenn ich länger weg bin. Auf diesen Ort freue ich mich, wenn ich nach Hause komme. Meine Oase, meine Basis, mein Stützpunkt für mein ganzes Leben. Schon fast ein Teil von mir. Mein Zimmer.

Ich weiß, dass den meisten anderen Menschen so ein räumlicher, ganz eigener Rückzugsort bei weitem nicht so wichtig ist wie mir. Wenn ich auf irgendeiner Freizeit bin, ist es mir total wichtig, schnell meinen Schlafplatz zu kennen und kurz eingerichtet zu haben. Erst dann habe ich Kraft für alles andere, denn dann weiß ich: Hierhin komme ich zurück. Hier habe ich meinen Platz.

Und mein Zimmer, mein Zimmer ist Basis und Krönung von alledem. Ich habe dieses Zimmer seit der ersten Klasse. Ich brauche es. Ich muss doch wissen, dass es noch da ist und ich wieder dahin kommen kann. Es ist der eine Ort, der bleibt.

Meine Familie beginnt derweil um das Zimmer zu feilschen. Mein Bruder will vielleicht doch lieber aus seinem Wandverschlag raus und endlich mal ein Zimmer haben, in das auch sein Kleiderschrank passt. Mein Vater will weg von dem Zimmer mit dem Straßenlärm und der langen Wand zum Flur. Meine Schwester überlegt, ob mein Zimmer vielleicht doch größer ist als ihres, will aber doch in ihrem bleiben. Das Klavier soll zurück ins Wohnzimmer wie früher. Das kann keiner gebrauchen.

Ich atme durch. Eigentlich, so ganz rational gesehen, dürfte mir das egal sein. Ich bin nicht einmal im Land – was sollte es mich da stören, dass mein Zimmer anders verwendet wird? Ich bin doch eh nicht da, werde nicht einmal zu Besuch kommen können. Frühstens in einem Jahr könnte ich es wieder brauchen, und selbst dann nur für ein paar Wochen oder Monate. Wie blödsinnig wäre das denn, mein Zimmer so lange einfach brach liegen zu lassen?

Trotzdem. Etwas in mir schmerzt und bricht bei dem Gedanken an den Verlust meines Zimmers. Ich will das nicht. Es soll bleiben.

Und wie das manchmal so ist, macht es auf einmal wie so ein kleines ‚Klick‘. Es ist, als würde man über eine Grenze kommen und auf neuem Boden stehen.

Es ruft mich raus in neue Zeiten, neue Welten, und da brauche ich dieses Versteck nicht mehr. Ich kann es loslassen, denn es wird alles neu. Mein Zimmer war und ist derzeit noch meine äußere und innere Heimat, doch ich bin auf dem Weg zu neuen Heimaten, neuen Welten, neuen Abenteuern. Irgendwo macht es auch Spaß, all das Alte freimütig aufzugeben. Es lässt mich frei fühlen, mein Zimmer loszulassen. Etwas reizvolles liegt darin. Wenn es diese Basis nicht mehr gibt, brauche ich auch nicht zu ihr zurück kommen. Dann kann ich auch gleich weit, weit weg gehen und alles anders machen.

„Naja, das schauen wir dann, wenn es soweit ist“, schließt meine Mutter die Debatte um das Zimmer, indem ich derzeit noch bin. Und es ist okay. Ihr dürft es haben. Ich gebe es frei.

Ampeln sind immer rot

Regen fällt auf meine Haut und läuft langsam meinen Arm hinunter. Die Ampel ist rot. Natürlich ist die Ampel rot. Immer sind Ampeln rot, außer sind sind es gerade nicht, aber dann denkt man ja auch nicht über sie nach, also sind sie praktisch immer rot, bis sie eben grün werden, aber das dauert irgendwie generell zu lange. Rote Ampeln guckt man viel länger an als grüne. In meinem Kopf sind Ampeln immer rot.

Ich stehe also an einer roten Ampel und es regnet. Das Wasser rinnt die Straße entlang. Ich habe meine Kapuze nicht aufgesetzt. Ich setze schon lange keine Kapuzen mehr wegen Regen auf. Nur noch wegen Wind. Ich mag es, wenn meine Haare vom Regen nass werden. Falls sie nass werden. Total oft werden sie einfach nur ein bisschen klamm und meine Kopfhaut bleibt trocken. So ist das mit dichten Haaren.

Wie früher als Kind strecke ich meine Hand aus und versuche, Regentropfen in meiner Hand zu sammeln. Und wie früher als Kind fallen überall viel mehr Regentropfen als da, wo meine Hand ist. Das ist wie mit der Ampel. Ampeln sind immer rot und Regen fällt nie genau in meine Hand. Bescheuert, das.

Wo Regentropfen übrigens immer hinfallen, das sind Brillen. Ich nehme meine ab und stecke sie in die Tasche. So dringend brauche ich sie dann auch wieder nicht.

Die Ampel wird grün. Ampeln sind immer rot, und jetzt wird sie grün. Aber ich gehe nicht rüber. Ich habe mich entschieden, dass ich doch gar nicht über die Straße will. Eigentlich will ich nirgendwo hin. Eine Frau mit Hund schaut mich merkwürdig an, als ich nach meiner Wartezeit an der Ampel statt über die Straße einfach wieder zurück gehe.

Ich will wieder nach Hause. Es gibt keine Zukunft. Nie gab es Zukunft. Zukunft war immer nur Schule, und daran denkt man nicht. Ein kleines bisschen Zukunft waren auch die kleinen Inseln namens Ferien. Die waren immer ewig weit weg, selbst wenn sie nah waren. Wenn sie kamen, war es immer toll, aber irgendwie fühlten sie sich immer auch ein bisschen an wie Seifenblasen. Ganz schnell waren sie so weg, als hätte es sie nie gegeben. Es bleiben nur Erinnerungen – Zukunft gab es nie. Nur Schule. Und jetzt erzählt mir irgendjemand, Schule wäre jetzt fertig. Das macht irgendwie Sinn, denn ich war zwölf Jahre da und seit ein paar Wochen nicht mehr, also muss sie wohl fertig sein. Aber dass jetzt etwas anderes kommen soll, das verstehe ich nicht. Wie kann es denn noch mehr Welt geben? Ampeln sind immer rot, Regentropfen fallen immer auf meine Brille und nie auf meine Hand, und es gibt immer nur Schule.

Ich will wieder nach Hause. Ich will nicht zur Schule, nicht weiter, ich will einfach nur zu Hause sein. Ich will gar nicht woanders hin. Im Sommer bleibt die Zeit eh stehen. Das ist so, weil sie ohne Schule ja schlecht weiterlaufen kann, oder? Eigentlich schwänze ich doch die ganze Zeit, oder?

Ich habe Schule immer gehasst. Man sagt, wenn man erst einmal aus der Schule raus ist, vermisst man sie. Bei mir ist das nicht so. Es gibt wenig auf der Welt, das mich dazu bringen könnte, zurück in die Schule zu gehen, selbst wenn es ginge. Nur irgendwie – irgendwie kenne ich nichts anderes. Ich kenne nur Schule. Zwölf Jahre lang jeden Tag dort gewesen, ein vertrautes Leid, ein bekanntes Ertragen, immer dasselbe, immer der Blick auf das dann, dann wird es besser. Eine Wüste, die mein zu Hause geworden ist. Wüste kenne ich. Mit Wüste kann ich umgehen. Wüste war doch immer schon. Wüste ist mein Leben. In der Wüste hat man Durst, man hat jeden Moment ein bisschen das Gefühl von Sterben, das ist so. Es geht nie weg, aber irgendwann ist es vertraut. Wüste.

Und jetzt stehe ich hier. Die Ampel ist grün. Das „dann“ von früher ist gekommen. Es gibt eine Zukunft.
Aber ich verstehe nicht. Es macht keinen Sinn. Ich weiß nicht, wie man das denkt, was nicht Wüste ist. Ich weiß nicht, wie man das lebt. Ich will nach Hause.
Wo ist zu Hause?

Nö, ich bin nicht tolerant

Wisst ihr, Toleranz find ich eigentlich blöd. Und bevor jetzt alle „Nazi!“ schreien, hört mir wenigstens kurz mal zu.

Ich liebe Menschen. Menschen sind ne klasse Erfindung, und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch eine klasse Erfindung ist. Klar, einige haben Charaktereigenschaften und Prägungen, die mit meinen nicht besonders gut kompatibel sind, aber das ändert ja nichts an ihrem oder meinem Wert. Nur, weil ich mit jemandem nicht klar komme, ist ja noch nicht der andere das Problem. Und ja, es gibt auch Menschen, in deren Geschichte etwas so gründlich falsch gelaufen ist, dass sie jetzt in schwerwiegender Kriminalität oder in okkulten Sekten gelandet sind. Doch auch das ändert nichts daran, dass der Mensch wertvoll ist. Ich bin sogar so verrückt zu glauben, dass jeder Mensch innerlich heil und neu werden kann, egal was war. (Das liegt an dem Gott, an den ich glaube. Mit Jesus geht sowas nämlich.)

Ich liebe Menschen, und das ist eine Grundlage, die unabhängig von Eigenschaften wie Hautfarbe, Religion oder Ansichten ist. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Das ist mein Ideal. Um ehrlich zu sein, müsste ich sagen: Es ist mein Ziel, alle Menschen unabhängig von irgendwelchen Merkmalen zu lieben. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass sie wertvoll sind, selbst wenn ich sie nicht immer lieben kann.

Was ich nicht liebe, ist jede beliebige Religion oder Ansicht oder Orientierung oder was auch immer. Es gibt Sachen, da bin ich gegen. Ich habe ein Wertesystem, und kein Wert darin lautet „Hinnehmen von schlechten Trends“. Und das ist genau das, was Toleranz so oft ist. Ich glaube zum Beispiel, dass es keine guten Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben wird, wenn „Familie“ weiterhin immer loser definiert wird und Kindern die stabilen Verhältnisse (bestehend aus einem Vater und einer Mutter) genommen werden. Da bin ich überhaupt nicht tolerant. Oder viel kleiner: Wenn eine Freundin beginnt, langsam in die linke Antifa-Szene abzurutschen, dann sage ich völlig intolerant: „Tu das nicht. Das ist nicht gut. Ich will nicht, dass du Schaden nimmst, also bitte bleib da draußen.“

Jap, ich bin intolerant. Ich sage: Find ich blöd. Aber meine Feinde sind nicht Menschen. Meine Feinde sind abstrakter, sind Meinungen und Ideologien, sind Denkweisen und Systeme, Umgangsweisen aus Rache- und Wutgefühlen und Vergangheitstraumata. Meine Feinde sind böse Einflüsse und negative Trends. Ich kämpfe mit meinen Worten, meinen Gebeten, meiner Haltung, meiner Liebe, dem Guten in mir. Ich kämpfe für Menschen und ich kämpfe für das Licht. Und in diesem Zuge bin ich so intolerant, das gibts überhaupt nicht.

Und wisst ihr was? Ich schreibs mir auf die Fahne. Ich schreib mir auf die Fahne, intolerant und voller Liebe zu sein. Das will ich.

Gedankenüberschuss

Wenn die innere Zwischenablage überfüllt ist und man mit dem Verarbeiten seines Lebens nicht so recht hinterherkommt

Wenn ich meine Augen schließe und wieder in all den vergangenen Momenten der letzten Tage bin, all die Stimmen höre, die mein Ohr erreicht haben und all das sehe, was vor meinem Auge hergezogen ist, dann möchte ich gerne in einen Zug einsteigen und wegfahren. Das liegt daran, dass man in Zügen gut denken kann, weil man nirgendwo ist und keine Aufgabe hat, außer dass man in materieller Form existent bleibt, bis man irgendwann irgendwo ankommt und da aussteigt. Das liegt auch daran, dass ich von einer bekannten Person, einer Freundin oder Tochter oder Mitarbeiterin oder komischen Vogel zu einem unbekannten, anonymen und sofort wieder vergessenen Gesicht werde. Manchmal ist das gut, weil man dann nämlich auch keine Erwartungen mehr an sich entdeckt, außer eben ein unbekanntes Gesicht zu sein, und das ist nicht so schwer.

Der Vorteil beim Denken im Vergleich zum Schreiben ist es, dass man keinen einzigen Gedanken beenden muss. Beim Schreiben steht am Ende etwas da, schwarz auf weiß, und das fühlt sich irgendwie endgültig und wahr an. Meine Gedanken sind nicht endgültig und wahr, sondern halb angeschaut und doch irgendwie eingeatmet. (Das versteht irgendwie keiner, weil das voll die komische Metapher ist, aber das ist nicht wichtig, weil es nämlich tiefgründig und poetisch klingt.)

Ich als Mensch an und für sich habe eine Haut. Außerhalb meiner Haut befinden sich nur noch Fuß- und Fingernägel und meine Haare, insbesondere meine rote Lockenmähne auf meinem Kopf. Innerhalb dieser Haut ist ein gewisser Raum, der mit Gedanken, Gefühlen und Identität gefüllt sein kann. Es reicht gerade gut für mich selbst und ein kleines bisschen für die Gedanken, Gefühle und Identitäten anderer, aber wehe zu viel. Mit geschlossenen Augen und den vielen, unbeantworteten Eindrücken bekomme ich aber Platzangst, Angst vor zu wenig Platz in mir drin, Angst vorm Platzen, Platzangst. Fluchtreflex. Zugfahren.

Manchmal wünsche ich mir, in bestimmten Momenten einfach nicht antworten zu müssen, nicht reagieren zu müssen, weil ich einfach nicht weiß, wie, und eigentlich auch gar keine Lust habe, mich mit Menschen auseinanderzusetzen. Oder mich mit diesem Menschen auseinanderzusetzen. Da spricht mich jemand an, sieht mich an – und mein Gehirn, mein Herz schweigt. Schweigt vom Rückzug, vom Verstecken, vom Frieden. Jemand stört diesen Frieden, aber ich will nicht. Lass mich in Ruhe, sage ich, oder sei mit mir ruhig, das wäre mir noch lieber. Bitte setze dich neben mich und lass uns schweigen von der Vergangenheit und ihren Geschichten und Gesichtern, bis wir wieder in der Gegenwart angekommen sind.

Ich habe keine Angst vor mir selbst. Mich mit dir selbst zu unterhalten ist eine Disziplin, die ich schon beherrscht habe, bevor ich mich mit anderen unterhalten konnte. Beständig erfahre ich dabei neues. Ich bin ich, das stimmt schon, aber oft bin ich mir genug wer anderes, um mich kennen lernen zu müssen und um für meine Denk- und Fühlweise Erklärungen zu brauchen. Und wie das so ist, wenn man mit jemandem sehr lang intensiv unterwegs ist, habe ich mich trotz all meiner Merkwürdigkeiten und unverständlichen Verdrehungen lieb gewonnen. Ich versteh mich zwar nicht immer, aber ich habe Frieden mit mir, und manchmal lade ich in diesen Frieden Menschen ein.

Hoffnungsbringerin, nannte mich jemand. Wenn du da bist, fühlt sich das immer an, als würde alles gut werden.

Ja, es wird auch alles gut werden. Davon bin ich tiefer überzeugt als irgendeine Sorge Wellen schlagen könnte. Tiefer, als irgendeine Platz-Angst wegen Reizüberflutung mich überfordern könnte. Tiefer als all die plappernden Stimmen in meinem Kopf, die reden von Vorgestern und Gestern und Heute und allem dazwischen und davor und dahinter.

Ich steige in keinen Zug ein, denn ich muss nirgendwo hin, und es ist auch keiner da, der sich gerade neben mich setzen und mit mir schweigen wollen würde. Stattdessen sitze ich hier und schreibe, schreibe von zu viel in mir in einem Moment, in dem das zu viel in mir endlich hinaus kann und ein es darf sein wird. Es darf sein. Alles wird gut.