So viel lieber heute

Ein Text vom 4. Januar – und ja, ein bisschen ist das derselbe Text wie „Eine kleine Runde“

In der viel zu großen, roten Gartenjacke meiner Tante sammel ich mit taub gefrorenen Fingern Holz aus dem Schnee. Das Holz hat mein Cousin zuvor gehackt. Seine beiden blonden Kinder haben währenddessen am Fenster gestanden und große Augen gemacht. „Bumm. Papa bumm“, hat der Kleine gesagt. „Boah, Papa ist ganz schön stark“, hat die Große gesagt. Jetzt sind die drei wieder weg und ich sammel das Holz auf.

Das letzte Jahr war eine eigene Ewigkeit. Es ist so viel passiert und es hat sich so viel verändert, dass ich lieber gar nicht darüber nachdenke. Es war schwer.

Jetzt ist es vorbei. Jetzt bin ich hier, trage eine roten Jacke und spüre meine Finger nicht mehr. Was spielt es schon für eine Rolle, was war?

Ich schaue zum Fenster hoch. Meine Tante winkt. Es gibt Feldsalat mit Sonnenblumenkernen drin und Ahornsirup im Dressing. Das lieben wir zwei. Und später werden wir genüsslich zusammen Kakao schlürfen. Ich grinse. Heute ist ein guter Tag. So viel lieber lebe ich im Heute als irgendwo sonst.

Eine kleine Runde

„Wollen wir echt noch rausgehen? Ist schon ziemlich spät.“
Wir betrachten gemeinsam den digitalen Wecker, der 23.12 anzeigt.
„Vielleicht noch ne kleine Runde oder so.“

Kurz darauf ziehen wir die Haustür hinter uns zu und laufen los. Industriegebiete und Wälder um Mitternacht – kein Problem, wenn man einen Mann dabei hat. Ich fühle mich sicher. Mit jeden Schritt lasse ich ein bisschen Schreibtisch, Uni, Stress hinter mir. Mit jedem Schritt lockern meine Gedanken etwas mehr auf. Mit jedem Schritt wird diese Gegend ein bisschen mehr mein Zuhause.

Sieben Kilometer und unzählige Worte später. Wir sind auf dem Rückweg. „Was war für dich am schwersten daran, umzuziehen und ein Studium anzufangen?“, fragt er. Ich habe ihn kurz vorher dasselbe gefragt. Jetzt bin ich dran mit antworten. Ich muss überlegen. Die letzten Monate waren viel. Sie waren aufreibend und ein einziges Durchhalten. Sie waren schmerzhaft.

„So viel zu verlieren“, sage ich. Ich erahne sein Nicken in der Dunkelheit. Er kennt meine Geschichte, war die letzten Wochen nah dran.

„Immer, wenn man was verliert, ist da auch ne Chance drin. Was Neues kann kommen.“

Mir wird der Moment bewusst, den ich gerade erlebe. Wir haben beide keine Uhr und kein Handy dabei, aber es ist sicher irgendwann nach eins. Wir laufen durch die Wiesen zurück in Richtung Stadt. Eine Autobahnbrücke erhebt sich weit über uns. Die Dunkelheit umgibt uns wie ein schützender Mantel. Es ist kalt, aber der Wind bläst meinen Kopf frei. Ich muss lächeln.

„Ja. Inzwischen sehe ich das auch. Ich bin froh, hier zu sein.“

Am Ende sind es 10 Kilometer, bis wir wieder bei ihm vor der Haustür stehen. Er ist völlig platt. Meine Füße tun weh. „So viel zu nur eine kleine Runde“, kommentiert er grinsend.

„Danke“, sage ich.

Oktobermorgen*

(Mit zwei Wochen Verspätung)

Wenn es Samstagmorgen ist und die Sonne die Nebeldecke mit goldenem Licht flutet, wenn die leeren Straßen glitzern und ich mit dem Fahrrad durch das fallende Laub hindurch fahre, wenn die Luft so schön kühl ist und die Welt so hell und gold und ruhig,

dann wird irgendwo in meinem Körper irgendein Hormon ausgeschüttet (über das ich bestimmt bald eine Vorlesung haben werde) und ich bin einfach glücklich.

:-)

*Weil Mörikes Septembermorgen-Gedicht in meinem Leben immer irgendwie erst im Oktober lebendig wird

Heimatlaute

Obwohl ich nie ein Kind der Landeskirche war, habe ich das Leuten der Glocken immer geliebt. Kirchenglocken haben eine wunderbar warme Feierlichkeit. Genauso wie alte Kirchengebäude. Ich habe eine heimliche Lieblingskirche, eine ganz kleine, mehr eine Kapelle. Unscheinbar versteckt sie sich hinter einer viel Mächtigeren. Wenn ich vom Schwimmen zurück gekommen bin, dann habe ich sie oft besucht. Immer gehofft, dass keine Touristen da sind – ab und zu verirren sie sich dorthin. Aber selbst wenn: Sobald klar wird, dass ich öfters dort bin und nicht nur „mal gucke“, werde ich schnell allein gelassen. Dort bin ich dann still geworden. In der machtvollen Kirche nebenan leuten die Glocken.

Ein anderes Geräusch, das ich liebe, ist das Plätschern von Wasser beim Einschenken. Ein ruhiges Zimmer, ein Glas, eine Flasche. So ein schlichtes, unscheinbares Geräusch, doch für mich liegt so viel Heimat und Ruhe darin, so viel Pause und Genuss und Musik. In diesem Geräusch klingt der Küchentisch und der Blick aus dem Fenster mit, das Sitzen auf der Arbeitsplatte und Beobachten der Straße, das Knarren oder eher Scheppern der Küchentür, das Gefühl des weichen und wertvollen Schafwollteppichs unter den Socken, das leicht unregelmäßige Ticken unserer Küchenuhr, deren Zeiger nach unten immer etwas hastet und nach oben hin so kämpft, dass man immer glaubt, er schafft es nicht mehr rechtzeitig. So oft bin ich, wenn ich nach Hause gekommen bin, zuerst in die Küche gegangen und habe ein Glas Wasser getrunken und habe all das gesehen, gespürt, gehört.

Ich vermisse das Brummen meiner kleinen Schwester, wenn man in ihr Zimmer kommt und sie sich gerade in ihrer eigenen inneren Welt verkrochen hat, auf dem Teppich vor dem Fenster, halb verborgen hinter dem Schreibtisch, neben sich den alten CD-Player oder ein Buch, ein paar Papierchen von Süßigkeiten, Kissen. Ich vermisse ihr Brummen, wenn man sie ärgert oder sie müde ist oder nicht zugeben will, dass etwas eigentlich lustig ist. Ich weiß gar nicht, ob Brummern wirklich das richtige Wort ist. Vielleicht eher Knarren. Oder Grummeln. Ein Geräusch, das so liebenswert freundlich wie entnervt müde sein kann.

Weckerpiepen, die effektiven Schritte meines Vaters am Morgen, die mir immer zu schnell für diese Stunde sind. Der Wasserkocher blubbert, das Rauschen des Wassers in den Rohren, jemand duscht. Mama, wie warm wird es? Mama, wo ist mein grünes T-Shirt? Mama, darf ich deine schwarzen Stiefel? Die Schritte meiner Mutter, wenn sie die Treppe hochgeht, das Trampeln meines Bruders, das Knallen der Tür. Die Klingel, und keiner geht hin. Das Telefon, und keiner geht hin, und dann doch wieder Mama. Das Knallen der Tür, und Papa ermahnt, und irgendwer hört nicht wirklich zu. Die Vibration der Haustür, der Schlüssel in der Wohnungstür, Rucksack in die Ecke. Die Kirchengemeinde nebenan, Musik, Absatzschuhe in schnellem Schritt. Mikrowellenpiepen, und keinen stört es außer mich. Klavier spielen, und alle stört es außer mich. Mein Bruder lacht. Teamspeak. Meine Schwester übt Trompete. Toilettenspülung, Dusche, das Knallen der Tür, wieder Papa nicht zugehört. Lichtschalter, Heizungsrauschen. Die Straße vor dem Haus, irgendwelche Männer lachen irgendwo. Immer noch Licht unter der Tür meines Bruders, und ich klopfe so leise, dass er er sowieso nicht hören kann, komme herein und lege mich zwischen all sein Chaos aufs Bett. Lüftest du wieder? Ja, ich lüfte.

Die Stimme meine Heimat – Glockenleuten, Wasser in einem Glas, die Geräusche des Hauses, die Stimmen meiner Familie, meiner Freunde. Alles eine Stimme, eines alles Zusammen. Die Stimme einer Zeit, eines Gefühls, eines Ortes. Zuhause. Eine Stimme, die ich vermisse, wie ein Kind die Stimme seiner Mutter, wenn sie zu lange getrennt sind.

Meine Seele will sie wieder hören, die Stimme. Meine Stimme klingt in der Ferne so fremd. Sie sprechen nicht meine Sprache, kennen die Sprache meiner Heimat nicht. Meine Sprache ist eine andere.

Pärchenforschung Singapur

Im botanischen Garten in Singapur sitze ich und grinse, weil ich feststelle, dass dieser Ort alle Arten von Pärchen anzuziehen scheint. Voll romantisch und so. Sie schlendern, spazieren und sitzen herum, quatschen und kichern und schweigen, schauen sich an und streichen sich die Haare hinter die Ohren.

Einmal muss ich seufzen, weil ich auch ein Gegenüber haben will, und der Kandidat meiner Wahl ne viertel Welt weiter rumstudentisiert statt mit mir hier einen auf Pärchen zu machen. Aber dann ist das auch irgendwie wieder okay und richtig so und ich beginne, die anderen zu beobachten.

Zwei Chinesen. Sie sehen jung aus, aber bei Chinesen heißt das nichts. Sein breites, weltvergessenes Grinsen verrät einiges über seine Innenwelt. Sie schlendern den Weg hinunter. Irgendwie scheint er auf die Weise, wie er sich um sie bemüht, sie beansprucht, sie schützt, als wäre er um sie herum, als würde er sie umgeben. Sie blüht auf wie eine Blume, ist die schöne Königin, strahlt aus sich heraus und ihn an, so umgeben von ihm. So jung, so frisch wirken die beiden zusammen, sehen nichts als nur sich gegenseitig. Ich hoffe, dass sie eine Grundlage legen lernen und nicht wie viel zu viele vor ihnen fallen, sobald die Hormone zum Tragen nicht mehr ausreichen.

Ich muss langsam aufbrechen und steige in die U-Bahn. Ein Westler-Paar fällt mir auf. Sie steigen eine Station nach mir ein. Sind vielleicht Mitte zwanzig, wahrscheinlich Backpacker. Und gestresst. Ein Sitzplatz ist noch frei, und so hektisch wie ängstlich dirigiert er sie dorthin. Er redet eindringlich irgendwas davon, dass sie jetzt unbedingt sitzen soll, weil sie das jetzt bräuchte, und obwohl es eigentlich etwas fürsorgliches ist, scheint er sie wegzudrücken, so wie er die ganze Welt wegdrückt und sich fast schon panisch hindurch schlägt. Sieht er sie überhaupt? Sie schaut ihn an, seine Augen wandern die Bahn runter und über die Schilder, sie schaut wieder weg, erschöpft und ein bisschen grimmig auf den Boden, allein. Da will ich nie sein, denke ich mir.

Nach dem Umsteigen, auf dem Weg zum Hostel, beobachte ich zwei Inder, vielleicht 30, vielleicht 40. Er hält sich an einem der Deckengiffe fest, sie sich ganz selbstverständlich an seinem Arm. Er erzählt etwas auf Tamil, macht eine Kunstpause, sieht sie schelmisch grinsend an und spricht weiter. Sie lacht auf, schlägt ihm gespielt fest auf die Schulter und verbirgt ihr breites Grinsen an seinem Arm. Ich schließe die beiden in mein Herz. Er raunt ihr weiter etwas zu. Sie schlägt ihn nochmal. Er lacht in sich hinein, legt seine Hand auf ihren Rücken und führt seine kopfschüttelnd grinsende Frau behutsam aus der U-Bahn. Da will ich sein, denke ich. Das find ich gut.

Pärchen, denke ich. Pärchen in Singapur. Und ich gehe zum Hostel alleine, alleine mit dieser großen, verrückten Stadt und all ihren Menschen, im Kopf bei all diesen Zweisamkeiten, beim Beobachten und Wundern, beim Hoffen und Vorfreuen, alleine fürs Jetzt.

Du könntest Sina vor dir haben, wenn …

Nur dank sieben Stunden Zeitverschiebung kann ich noch schnell rechtzeitig irgendeinen Beitrag schreiben anlässlich meines – fünfjährigen Blog-Geburtstages! Whoop whoop!

Da ich aber eigentlich gar keine Zeit habe und mir außerdem gerade die Kreativität entschwunden ist, veröffentliche ich nur einen alten Entwurf. Es ist eine Hilfe, mich zu identifizieren. Es ist nämlich so, dass ein Mädel ich sein könnte, wenn…

  • sie die Runde mit „Hallo Kinder“ begrüßt hat.
  • die Haare rot und lockig sind.
  • so ein schwarzes, relativ großes Notizbuch immer in greifbarer Nähe ist.
  • sie des häufigeren die Redewendungen „Party im Kopf“ verwendet.
  • sie mit einem Typen mit schwarzen Dreads rumläuft, der irgendwie aussieht wie sie. Was bestimmt nicht daran liegt, dass sie Geschwister sind.
  • sie generell irgendwie nicht in die Gruppe zu passen scheint: Wesentlich jünger als der Rest, die Haarfarbe oder einziges Mädchen … Wobei das auch nicht immer so ist. Glücklicherweise.
  • sie irgendwie herumwuselig ist, sobald viele ihr bekannte Menschen beisammen sind, und sie sich deswegen nicht so ganz auf dich fokussiert. (Sie meint das aber nicht böse! Wirklich!)
  • sie in den beiden Extremen vorkommt von sich unter vielen Menschen fühlen wie ein Fisch im Wasser und ganz alleine sein wollen. Aufgedreht albern und ganz ernst nachdenklich. Und ja, das kann verwirrend schnell umschlagen.
  • Ukulelenklänge von irgendwoher erschallen.
  • man Lachen auch durch Wände hört.
  • du dich mit ihr über PC-Spiele und anderen Nerdkrams unterhalten kannst. Aber nicht lange, weil du irgendwann feststellen musst, dass das alles nur fake ist und sie eigentlich keine Ahnung hat. Nur halt Brüder und Halbwissen.
  • du ihr ihr Alter nicht abnimmst (Jap, sie ist siebzehn. Glaubs ihr halt einfach.)
  • du früher oder später irgendeinen Spruch reingedrückt bekommst. Im Zweifelsfall zu fies.
  • sie die Filme alle nicht kennt, von denen du ihr erzählst. Dasselbe gilt übrigens für Musik, Schauspieler und Serien. Wie sehr das alles an ihr vorbeigeht, das ist schon fast ne Leistung.
  • sie dir früher oder später von ihrer Kirche oder dem Sommerlager erzählt.
  • sie nicht Sina heißt, aber im Zweifelsfall trotzdem darauf hört.

Erwischt

Du weißt es nicht, aber ich habe dich erwischt.

Du hattest behauptet, du könntest nicht Klavier spielen. Du würdest dich damit nicht so wohl fühlen. Aber als ich am Versammlungszelt des Zeltlagers vorbeiging und nur schnell was holen wolltet, da saßt du da. Saßt auf meinem Platz – am Klavier, und hast leise gespielt. Du hast dazu gesungen, und die Töne waren nicht zwingend die richtigen. Du saßt mit dem Rücken zu mir und hast mich nicht bemerkt.

Ich habe gesehen, dass du in meinem Ordner gestöbert hast – mein Ordner mit meinen Liedern, die ich immer spiele, mit den zusammen gesammelten und den selbst geschriebenen. Vermutlich wusstest du gar nicht, dass ich einige davon selbst geschrieben habe, und dass ich sie kaum wem zeige.

Also hast du da heimlich am Klavier gesessen und gesungen und in meinem Ordner gestöbert, an den sonst eigentlich keiner darf. Warst versunken in deiner Welt, und auch, wenn dein Gesang nicht stimmte, hast du an diesem Ort und in diesem Moment so sehr gestimmt.

Es hat so sehr gestimmt, dass du Klavier spielst, und ich habe mich so sehr darüber gefreut, dass ich einfach heimlich wieder gegangen bin. Ich habe meinen Ordner nicht zurück gefordert. Ich habe dich auch nie darauf angesprochen, weil ich nicht wusste, ob es dir unangenehm gewesen wäre.

Aber diese Seite von dir erspähen zu dürfen, dich erwischt zu haben, das war mir wertvoll.