Dein Geheimnis von Leben

Du kennst ein Geheimnis über das Leben, das mir noch fremd ist.

Du strahlst etwas aus, ein tiefes, tiefes Genießen vom Leben. Wenn ich dich sehe, spiegeln sich in deinen Augen tausend lebenswerte Momente wieder. Dein Lächeln gehört zu deinem Gesicht wie deine Sommersprossen, und ich liebe es. So einfach und so wunderbar.

Dein Herz ist offen. Da ist so viel Liebe, die du im Überfluss hast und so reich gibst. Bei dir zu sein tut so gut. Warm und hell wird es in deiner Nähe ums eigene Herz, weil dein Herz das ausstrahlt. Ohne etwas zu sagen, sagst du doch: „Hier bist du angenommen. Du bist ganz wunderbar wertvoll.“ Offene Arme und ein weiches, liebevolles Herz, das finde ich bei dir.

Ich möchte das auch. Ich weiß nicht, wie du das machst oder wo das herkommt, aber ich will das auch. Ich möchte ein so weiches, mit Liebe und Wärme gefülltes Herz haben wie du, und genauso ein Licht sein wie du. Ich möchte anderen Menschen auch so gut tun. Ich möchte lernen, das Leben in so tiefen Zügen zu genießen wie du es tust, so viel Freude daran zu haben. Das ist so sehr mein Wunsch.

Bitte führe mich in dieses Geheimnis hinein.
Bitte zeig mir, wie du die Menschen und dein Leben liebst.

Drei Gamer und ein leerstehendes Haus

Und wie das so ist mit mir und Gruppen von Jungs oder Mädchen. Und generell Menschen.

Abend, dunkel.

Dabei: Baustrahler, Kabeltrommel, zwei Handys mit Taschenlampenfunktion und drei Jungs.

Plan: Locationsichtung für ein Filmprojekt.

Ein Haus, das wohl schon eine ganze Weile leer steht. Das heruntergekommen ist. Das groß ist, viele Räume hat. Das an einer wenig befahrenen Straße steht. Das nur im Keller Strom und Licht hat. Mit Spinnen. Mit Staub. Mit vereinzelten, total zufällig wirkenden Gegenständen in manchen Räumen. Mit einer irgendwie surrealen Atmosphäre.

Kurzum: Ein Haus mit Grusel-Potential.

Oder, wenn man mit drei Gamern unterwegs ist:

Mit definitivem Paintball-Potential. Viele Nebentüren, Ecken, Kanten, Flure, und dann doch wieder viel Freiraum. Alles darf kaputt gemacht werden und dreckig werden – wird eh bald abgerissen, das Haus. Ein Traum.

Mit Computerspiel-Bezüge-Potential: „So ein Flur wär bei nem Shooter das schlimmste. Da durch zu müssen…“ „Dieses Haus könnte genau so in diesem blabla Horror-Game vorkommen.“ Und ganz viele andere, die ich vergessen habe, weil ich sie nicht ganz verstanden habe, so als Passiv-Pseudo-Gamerin.

Außerdem Foto-Potential. Mit nur einem Baustrahler wird auf dem tiefer liegenden Dach ein episches viereinhalb-Minuten-Fotoshooting veranstaltet. Von dunklen Silhouetten vor einem einschüchternden Haus.

Und Blödel-Potential. Alte Kassenbücher durchgucken, auf einen uralten Aufzug klettern und sich gegenseitig erschrecken …

Irgendwann kommt mir ein Gedanke: Mit Mädchen würde das alles so viel anders ablaufen. Jedenfalls, wenn sie sich so richtig „Mädchen“ verhalten. (Klar, gibt glücklicherweise auch genug andere.) Dann wäre Panik, Gekreische und Gekicher angesagt. Dann wäre ich die, die Ruhe reingeben würde, Spinnenweben wegmachen würde und als erste um die Ecken und in Zimmer reingehen würde. Eine Rolle, die ich schon so oft ausgefüllt habe und inzwischen fast automatisch einnehme – die Vorangeherin.

Aber jetzt ist das anders.
Jetzt genieße ich heimlich für mich das kleine, aufregende Angst-Gekribbel, wenn ich als erste in einen finsteren Raum gehe, und die darauf folgende kleine Erleichterung, wenn auch diesmal tatsächlich nichts völlig Irrationales passiert ist.
Jetzt genieße ich, dass man mich fast gar nicht erschrecken kann und lasse die Jungs ihr Glück versuchen – natürlich erfolglos.
Jetzt genieße ich die ganze Atmosphäre und habe die Zeit und den Platz, mich faszinieren zu lassen von dem allem, was da um mich ist.
Jetzt genieße ich das alles sehen, kommentieren, ausprobieren wollen der Jungs, ihre Begeisterung, ihre Fusseln im Kopf und den Blick aus ihren Augen.
Jetzt genieße ich es, da zu sein als ein Teil der Gruppe, der vom Projekt her Kern ist und doch irgendwie sehr rausfällt, um dann doch in vielerlei Hinsicht auf selber Wellenlänge zu sein – lustiges Gefühl.

Ich fühl mich wohl. In diesem Haus. Mit den Leuten. Fühle mich innen drin total sicher und gut aufgehoben, und bin gleichzeitig aufgeregt.

Der Energietank war nur so schnell leer. Ich hätte das Herumstreunen irgendwie noch länger auskosten gewollt. War am Ende so platt und nicht mehr wirklich denk- oder aufnahmefähig.

Trotzdem. Leerstehendes Haus mit drei Gamern angucken – Daumen hoch. Gefällt mir.

Kommt, wir spielen verkleiden

Kommt, wir spielen verkleiden, so wie früher, nur ganz neu. Damals, als alte Nachthemden unserer Großeltern Prinzessinenkleider und Supermanumhänge wurden und uns ein halb kaputter Hut zu einem echten Cowboy gemacht hat.

Kommt, wir spielen verkleiden und gehen in die Oper. Nicht, weil das Stück so toll ist, darum geht es gar nicht, sondern weil wir da wer anders sind, uns zu jemand anderem machen können.

Kommt, wir spielen verkleiden, und lassen nichts aus. Lasst uns die Ohrringe auf die Tasche und die Schuhe auf die Jacke abstimmen. Lasst uns uns schminken, solange wir wollen. Wir verkleiden uns, werden ganz edle Leute. Ein Kleidchen mit Gürtel, ein hauchdünnes Jäckchen – fertig zum flanieren.

Kommt, wir spielen verkleiden. Wie schön du bist! Ahs und Ohs, wenn wir uns uns gegenseitig präsentieren. Wie viel Spaß es macht, auf hohen Schuhen über rote Teppiche zu schreiten, in dem Wissen: Heute bin ich ganz edel. Heute sehe ich fein aus. Seht ruhig her!

Kommt, wir spielen verkleiden, und wir feiern das. Machen Selfies in vergoldeten Spiegeln, drehen uns verspielt im Kreis und lassen fliegen, was fliegen kann, und haben richtig Lust, nochmal durch die Innenstadt zu gehen und uns der Welt zu zeigen.

Heute spielen wir verkleiden und werden andere Menschen, dürfen uns anders benehmen, sind verkleidet, um mal nicht zu sein wie sonst, um mal jemand anderes zu sein, jemand, der wir auch sind, und wir verkleiden uns, um diesem Jemand ein Gewand zu geben.

Kommt.

Ein vorzeitiger Liebesbrief

Hallo du.

Ich bin Sina, und ich warte auf dich. Ich bin nicht ungeduldig. Das darf alles noch Zeit haben – ich bin ja erst sechzehn – und Liebe ist nichts, was verkrampft gut funktioniert. Ich sollte vielleicht erst mal wissen, wer ich überhaupt bin und was ich so will in meinem Leben, bevor das mit uns beiden was wird. Ich warte einfach nur auf dich und denke ein bisschen über dich nach.

Du bist ein Kämpfer, das weiß ich. Das männliche Herz ist kämpferisch. Ich freu mich schon auf die Schlachten, in die wir beide ziehen werden, denn mit mir wirst du eine Kriegerin an deiner Seite haben, weißt du. Wir beide werden geschlossen nebeneinander stehen, machtvoll, eins.

Ich werde definitiv eine Herausforderung für dich sein. Mit meinem Bedürfnis nach Tiefe, meinen manchmal gegensätzlichen Stimmungen und meinen irgendwie feuerwerk-explosionsartigen Impulsen der Kreativität. Ich glaube, du wirst stabil sein müssen, ein Fels in der Brandung, sonst klappt das nicht.

Wir werden verrückte Dinge miteinander machen. Ich weiß zwar noch nicht, wie du bist, aber ich kenne mich selbst gut genug, um das sagen zu können. Vielleicht werden wir uns mitten in der Nacht spontan ins Auto setzen und ans Meer fahren. Vielleicht kannst du ja Longboard fahren und dann bringst du es mir bei. Ich werde dir Lieder auf der Ukulele schreiben und vielleicht kannst du ja singen. Vielleicht werden wir mal paragleiten oder probieren Bungee jumping aus. Und wahrscheinlich werden ganz ungeplant die besten Momente entstehen. Jedenfalls wird es von uns Geschichten zu erzählen geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Und ja, ich weiß, dass Beziehungen auch hart sind und Arbeit bedeuten, aber ich werde dann bereit dazu sein, gegen Resignation und Bitterkeit zu kämpfen und auch gegen die anderen Schwierigkeiten, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, und ich werde bereit dazu sein, immer wieder neu dich kennenzulernen und zu verstehen und dir zu vergeben. Und du wirst auch bereit dazu sein. Und dann wird das lohnenswert sein.

Und ich sag dir mal was. Der Zeitgeist sagt manchmal komische Sachen über euch Männer, Hauptsache sensibel und verständnisvoll, effektiv und vorhersehbar und harmlos und bloß nicht aggressiv und solchen Kram. Hör nicht drauf. Richte dich nicht danach, sonst will ich dich nicht. Für mich darfst du ruhig wild und ungezähmt sein, mutig und kämpferisch und stark. Du brauchst einen Zugang zu deinem Herz. Erst dann bist du lebendig und in der Lage, irgendetwas zu lieben, zum Beispiel mich. Lass dir diesen Zugang nicht von falschen Idealen und Erwartungen verstopfen. Und bitte töte ihn nicht ab mit Party, Alkohol und fehlgeleiteter Sexualität. Und pass auf, dass sich dort keine Bitterkeit absetzt wie Kalk in einem Wasserrohr, bis es nichts mehr durchlässt. Das Herz in dir drin darf voller Feuer und Energie sein, bewegt werden und schmerzen und freuen und standhalten. Lebendig sein halt.

Das wird gut mit uns zwei, und ich freu mich drauf. Ich hoffe, dir gehts gerade gut und du hast gerade Spaß an deinem Leben.

Ich überlege mir gerade, ob und wann und wie du das hier lesen wirst. Vielleicht kommen wir zusammen und irgendwann zeige ich es dir, und du wirst dich kaputt lachen, wenn du es ließt. Vielleicht wirst du auch in einem dämlichen Ausnahmezustand von Verliebtsein meinen Blog durchforsten und auf das hier stoßen. Vielleicht ließt du das aber auch jetzt schon, heute. Wenn ja, dann musst du dich unbedingt mal als du erkennbar machen, denn dann will ich dich kennen lernen, so richtig, meine ich.

Aber bis dahin bleibe ich hier und warte und denk ab und zu mal über dich nach und hoffe, dass du in der Zwischenzeit ne ordentliche Lebensgeschichte schreibst. Schreib heute ne gute Lebensgeschichte. Ich versuchs auch.

Ich liebe dich – dann irgendwann jedenfalls.
Sina

Die Schachpartie im Foyer einer Jugendherberge

… und wie das so ist mit den Mädchen und den Jungs und einer Sina, die nicht Mitläuferin sein kann.

Eine Erinnerung, die mich heute einfach so überkam.

Mit 12 Jahren war ich auf einer Kanufreizeit. Es waren insgesamt etwa 8 Mädchen und 20 Jungs da im Alter von 10 bis 14. Ich war mit drei ein wenig älteren Mädchen auf einem Zimmer, die zusammen gekommen waren und ständig über Leute redeten, die ich nicht kannte, oder in Abwesenheit der anderen ihre wundervolle „Freundschaft“ durch fiese Kommentare und Lästern übereinander bewiesen, was zwischendurch manchmal in ausgeprägten Zickenkrieg ausartete. Später fand ich raus, dass sie Hauptschüler waren – was mich irgendwie nicht wunderte.
In dem anderen Zimmer waren die ein bisschen jüngeren untergebracht, die vor allem Süßigkeiten aßen, sich über billige Vorteenie-Liebesromane unterhielten und dem für diese Zeit typischen Gruppenzwang hoffnungs- und ausnahmslos verfallen waren. Infolge dessen wurde ein fieser Kommentar der einen schnell die Meinung aller und Gerüchte entstanden schneller als sie ihre Chips in sich reinstopfen konnten.
Bereits eine halbe Stunde nach meiner Ankunft am Freizeitort beschloss ich, diesmal zurückzuschalten und Mitläuferin zu sein, so gut es ging. Ich befürchtete, dass ich so gar nicht zu den anderen Mädchen passen würde und wollte zumindest Ärger vermeiden. Leider klappte das nicht. Ich bin einfach keine Mitläuferin. Ich glaube, Menschen nehmen das irgendwie wahr. Vielleicht merken sie, dass ich mich nicht voll anpassen kann und oft Widerstand oder andere Überzeugung da ist, wo andere einfach übernehmen. Jedenfalls wurde ich auch so nicht wirklich Teil der Gruppe.

Ich war einsam. Ich weinte viel heimlich im Außengelände. Irgendwann knüpfte ich doch Kontakt zu einem Mädchen, zu einem der jüngeren, die etwas verwirrt war und ständig irgendwas vergaß. Freundschaft war das allerdings nicht.

Aber es gab ja immer noch die Jungs. Sie ließen sich meiner Meinung nach in drei Gruppen aufteilen: Die, die übertrieben pubertierend, laut und albern waren; die, von denen man einfach fast nichts mitbekam und die, die echt coole Typen waren. Obwohl ich weiter versuchte, mich irgendwie in die Gemeinschaft der Mädchen einzufinden, verbrachte ich immer mehr Zeit mit den Jungs. Wir fuhren jeden Tag Kanu – natürlich, war ja eine Kanufreizeit – und schon bald fand ich mich kaum noch in Mädchenbooten wieder. Entweder paddelte ich in Booten mit, wo ich den Jungs einigermaßen vertraute, oder ich bestand aufs Steuern. Und sie ließen mich. Was vielleicht auch daran lag, dass ich einfach steuern konnte. Aber ich glaube auch, dass ein paar der Jungs ein wenig irritiert und eingeschüchtert von mir waren. Trotzdem ernannten sie mich bei einem Geländespiel geschlossen zu ihrer Teamleiterin.

Nach der halben Woche setzte ich mich spontan beim Abendessen an einen Jungstisch. Das Essen war sehr lustig, glaube ich, aber die Mädchen starrten mich die ganze Zeit bedeutungsvoll an und tuschelten miteinander.
„Warum hast du dich nicht zu uns gesetzt?“, stellten sie mich später vorwurfsvoll zur Rede, als würde ihnen irgendwas daran liegen. Ich verstand sie einfach nicht und begann sie zu ignorieren. Ihre Kommentare erreichten kaum mehr mein Trommelfell. Es war anstrengend, und ich rechnete alle paar Stunden aus, wie lange es noch bis zu meiner Abreise dauerte.

Beim nächsten Abendessen fanden zwei Jungen und ich heraus, dass wir den selben virtuellen Schachtrainer hatten (Fred Fertig, die Kanalratte), und verabredeten uns für eine Partie. Wir sollten an diesem Abend aufräumen, doch für mich war das kein Problem, denn mein Teil des Zimmers war sehr ordentlich, hatte ich doch weder Zeit noch Lust gehabt, meinen Koffer auszuräumen. Die anderen Mädchen in meinem Zimmer hatten es da weit schwerer, doch das war mir egal. Die beiden Jungs hatten sich auch beeilt, und so trafen wir uns im ruhigen, offenen Foyer der Jugendherberge unter der Treppe an einem kleinen Tisch und versenkten uns in das Spiel.
Es war wundervoll. Wir waren konzentriert und gleichzeitig ein bisschen albern, fachsimpelten mit unserem Halbwissen und bauten ständig Insider aus dem PC-Spiel ein. Es war recht still dort unten. Nur aus der Küche kam noch leises Geschirrklappern und Wasserrauschen und ab und zu hörte man Türen. Unsere Stimmen verhallten leise in dem großen Raum. Immer wieder mal kamen Leute vorbei und sahen zu uns rüber, manche schauten uns ein paar Minuten zu, waren aber recht schnell gelangweilt, da sie nichts verstanden. Die schwarze Fensterfront ließ mich ein wenig schaudern. Ich genoss diese Partie zutiefst.

Bis … ja, bis die Mädchen aus meinem Zimmer kamen.
„Sina, wir haben dich überall gesucht. Wir sind noch nicht fertig mit aufräumen.“
„Ich schon.“
„Dann kannst du uns ja helfen. Ich finde, wir sollten das gemeinsam machen.“
Die Jungs und ich blickten uns genervt an.
„Was soll ich denn bitte machen? Ich hab vorhin geguckt, ob ich euch helfen kann, aber da gabs nicht viel. Soll ich eure BHs zusammen legen oder was?!“
Sie schnaubten und verschwanden unter irgendwelchen Beleidigungen, die mich vermutlich kränken sollten. Wir vergaßen sie sofort wieder und landeten wieder in unser eigenen Welt. Ich glaube, es war wirklich ein gutes Match.
Fünf Minuten später kamen sie wieder. Diesmal waren fast alle Mädchen dabei. Geschlossen bauten sie sich vor unserem Tisch auf.
„Sina, du stehst jetzt auf und hilfst uns aufräumen.“
„Nein. Ich habe meinen Teil getan und spiele jetzt dieses Spiel zu Ende.“
„Du kannst fegen und den Müll raus bringen. Jedenfalls spielst du jetzt hier nicht, während wir arbeiten. Du bist total asozial. Komm jetzt.“
„Nach diesem Spiel.“
„Nein, jetzt, Sina. Sofort.“
Ich seufzte. Sie würden nicht weggehen, bis ich kam, und die Aussicht auf ein paar weitere Tage mit ihnen auf einem Zimmer ließ meine sonst so mächtige und unerschütterliche Sturheit in den Hintergrund treten. Ich sah die Jungs an.
„Tut mir echt leid.“
Sie nickten mitleidsvoll. Sie gaben mich nicht gerne raus. Wir gaben uns die Hand, wie das zu einem guten Schachspiel gehört, selbst wenn es nicht zu Ende gespielt wird, und dann wurde ich von meinen Richterinnen abgeführt.
Ich fegte und brachte den Müll raus.

„Warum hängst du überhaupt so viel mit den Jungs rum?!“, motzten sie mich an.

Bis heute verstehe ich sie nicht richtig. Einerseits wollten sie mich nicht wirklich aufnehmen und schlossen mich immer wieder aus, aber andererseits hatten sie was dagegen, wenn ich mich von ihnen distanzierte und meine Zeit lieber bei den Jungs verbrachte. Waren sie neidisch? Ich weiß es nicht.

Ich frage mich, was passiert wäre, wenn ich mich selbst am Anfang nicht verleugnet hätte und nicht einen auf Mitläuferin gemacht hätte. Vielleicht hätte sich die Gruppendynamik bei den Mädchen ganz anders entwickelt. Was wäre gewesen, wenn ich mich den Aufforderungen der anderen Mädchen einfach widersetzt hätte und das Spiel zu Ende geführt hätte? Hätte ich gewonnen?

Als die Freizeit endete, saß ich mit einigen Jungs auf der Mauer zur Straße hin. Wir beobachteten die Autos und Eltern, die kamen, und unsere Gruppe schrumpfte langsam. Irgendwann kam der Vater, der die drei Mädchen abholte, mit denen ich ein Zimmer geteilt hatte. Er unterhielt sich einige Minuten mit mir, und ich war erstaunt, wie ein so netter und offener Vater so hinterhältige und fiese Kinder haben konnte. Ich witzelte mit ihm über die Freizeit und erzählte ihm ein bisschen was von dem, was so passiert war. Nichts schlimmes, nur Kleinigkeiten. Die Töchter hörten zu und zischten mir vor der Abfahrt noch zu: „Sowas kannst du doch nicht meinem Vater erzählen! Du spinnst.“ Ich glaube, da waren noch ein paar Beleidigungen drin. Ich wusste nicht, worauf sie sich bezog. Nichts von dem, was ich gesagt hatte, wäre gegen sie interpretierbar gewesen, und ich war mir ziemlich sicher, dass ihr Vater nichts gehört hatte, was ihn verärgert hatte.
Dann waren sie weg, und ich unterhielt mich in den letzten zehn Minuten, bevor ich los zum Bahnhof musste, noch mit einem Junge über mein vielgeliebtes Sommerlager, weil wir herausfanden, dass wir beide Freikirchler waren und er da eigentlich schon immer mal hinwollte. Ich begeisterte ihn dafür, und er versprach, zu kommen.

Dann ging ich zum Zug und ließ zickige Mädchen, Einsamkeit und eine frustriert abgebrochene Schachpartie mit tollen Jungs hinter mir.

Und als ich zu Hause ankam, war ich wenig erwachsener geworden.

Mein Fingerspitzengefühl

Fingerspitzenwohlfühlgefühl

Fingerspitzenanfassenwollenkribbeln

Fingerspitzenwutzuschlagenwollenzucken

Fingerspitzenungeduldsgetrommel

Fingerspitzennervositätsgefriemel

Ja, ich glaube, ich hab ein ganz gutes Fingerspitzengefühl. :-)

Per Schiff den Horizont ergründen

Ich versuche, auf dem offenen Meer mit den Augen den Horizont zu ergründen, doch er ist weit. Der Himmel wirkt höher und das Meer ist da in einer unendlichen, machtvollen Ruhe. Und obwohl es doch nur Wasser ist, können meine Augen sich nicht satt sehen. Das Segelboot schwankt unter mir, vielleicht irgendwie rhythmisch, oder auch nicht. Warmer Wind trocknet die Salzwasserhaare.

Es ist paradox, wie man auf dem Meer so alleine und so zusammen gleichzeitig sein kann. Obwohl da niemand ist, soweit das Auge reicht, sind zehn Menschen auf ein paar Quadratmetern die ganze Zeit beieinander. Das ist intensiv, irgendwie – mal mehr, mal weniger gewollt, von unterschiedlichen Menschen. Es ist ein Ort, wo man Geheimnisse finden kann – in Wahrheits-Worten und Herausforderungs-Bewältigungen und Beobachtungen. Ein Hauch Narnia liegt im Wind, wenn ich Dinge lerne, von denen ich mein Leben lang zehren werde, wenn ich neue Wege und neue Ziele sehe, sich die nächsten Schritte abzeichnen.

Ich werde zeitlos. Ich kaufe mir einen Hut und bekomme Sommersprossen. Ich habe Bauchschmerzen und Deutschland wird Weltmeister. So Sachen eben. Kommt vor.

Wir machen unsere Hände auf und bekommen jeder Dinge hineingelegt. Wie das so ist – jeder etwas anderes, jeder das Beste für sich. Und wir schließen unsere Hände, halten es fest, und werden uns das nicht mehr nehmen lassen.

Es war auch manchmal schwer und ich wollte nicht mehr. Menschen kamen mir zu nahe oder waren zu weit weg, waren zu laut und ließen mich nicht, und tickten so völlig anders als was ich verstehe. So manches Mal verkroch ich mich vor lauter einsamer Hilflosigkeit und Überforderung in mir drin und fand den Weg hinaus nicht mehr.

Und doch war es gut, dass ich da war – das weiß ich ganz sicher – denn der Horizont, den ich eine Woche lang mit den Augen verfolgt habe, ist weiter geworden.
Innen drin.
Und außen rum.