Kleinbruders Mädchen

Abendessen. Wir ziehen mal wieder darüber her, das Kleinbruders Freundinnen bis jetzt alle Lisa hießen. Die Erste war eine Kindergartenfreundin, mit der er einen Bauernhof bauen wollte. Die Zweite war eine Grundschulfreundin, mit der er Händchen gehalten hat und „zusammen war“. Die Dritte ist momentan in seiner Klasse und potentielles Folgeopfer.

Ich: „Kleinbruder und Lisa, klingt doch gut.“ (grinse)
Kleinbruder: „Wie würde denn Emily und Kleinbruder klingen?“
Mama: „Ist sie auch in deiner Klasse?“
Ich: (freudig) „Oh, bist du verliebt???“
Kleinbruder: „Nein!“ (verdächtiges Grinsen von einem Ohr bis zum anderen)
Ich: „Findest du sie nett?“
Kleinbruder: (nach kurzer Pause immer noch sehr breit grinsend. es wirkt, als würde er gar nicht grinsen wollen) „Netter als dich jedenfalls!“
Ich: (entzücktes Quieken)
Mama: „Wer möchte noch Brot?“

Nur schade, dass sie nicht Lisa heißt.

Kleiner Einwurf

Verdrängt von den ganzen vereinten Mächten
von Missmut, Unzufriedenheit,
Enttäuschung und Resignation
sitzt die Freude schüchtern
in der hintersten Ecke meines Gehirns
und fragt leise:

„Aber eigentlich ist das Leben doch ganz schön, oder?“

Lauf, Kind, lauf.

(Ein Text vom 14. November 2011)

Lauf, Kind, lauf, wohin dich deine Beine auch tragen.

Die Gedanken schweigen dazu. Ich will raus, raus aus meinem Körper, will mich als ein Nichts aus Atemhauch und Illusion wegwehen lassen. Will alle Müdigkeit, alle Erschöpfung fallen lassen. Will mich nicht mehr so schlapp fühlen. Will aufstehen, aufsteigen, entgegen der Blätter, die in der Herbstluft zu Boden fallen, leicht, nicht mehr an meinen Körper oder an Naturgesetze gebunden, einfach so. Will nicht mehr den Kampf kämpfen, den Kampf gegen die Schlaflosigkeit, gegen die Erschöpfung, gegen das, was vielleicht irgendwann in einem Burn-Out endet. Will fliegen und mir alle Stimmen und Emotionen heraus blasen lassen, bis nur noch dieses eine Gefühl da ist.

Flieg, Vogel, flieg, wohin dich deine Flügel auch tragen.

Kann es nicht ertragen. Diese Schwäche. Dass ich es tun will, dass andere es von mir fordern, aber ich nicht kann, weil es nicht geht. Weil da eine Grenze ist. Weil da etwas im Weg ist. Zuviel Aufregung, zu viele Menschen, zu viele Stimmen, zu viele Dinge. Sie liegen auf mir, hindern mich daran, zu tanzen. Ich will sie abschütteln. Ich will keine schmerzenden Schultern mehr haben. Ich will wieder aufrecht stehen, nicht krumm. Ich will wieder Kraft haben, stark sein. Oder mich treiben lassen. Treiben lassen, den Fluss des Lebens, wo alles Böse und alles Schlechte am Ufer zurück bleibt und das Wasser mich durchspült und sauber macht, reinigt, von allem, was nicht wichtig ist.

Schwimm, Fisch, schwimm, wohin dich deine Flossen auch tragen.

Wünsche

(Ein Text vom 9. Mai 2011)

Mich zurück lehnen, die Augen zumachen und abschalten, alles um mich herum zu einem angenehmen, gleichmäßigen und schläfrigen Summen verschmelzen lassen und nicht gestört werden.

Endlich aufstehen können, laufen, Widerstand leisten können und das sein, was ich bin, unabhängig vom Rest der Welt, Individualität haben und einzig sein.

In der Masse untergehen, nicht immer so anders als die Umgebung sein, mit dem Strom fließen, mich treiben lassen, untätiger Zuschauer sein und die angenehmen Dinge genießen.

Es können, nicht immer nur lernen, lernen, sondern etwas erreichen, Lorbeeren ernten und sich darauf ausruhen, Stolz empfinden und den negativen Beigeschmack nicht schmecken.

Veränderung, nicht immer nur ich sein, immer die selbe, auch mal jemand anderes, der sich anders fühlt und anders denkt, Abwechslung.

Besitzen, weise und intelligent sein, haben und können, toll sein, ein Vorbild, jemand, zu dem andere aufschauen, die beste sein, oben, an der Spitze, die groß gefeierte Heldin.

Und das sind die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, während ich müde in der Schule sitze und zu Hause, auf dem Bett meines Bruders während dieser Computer spielt, und ich merke schon, dass das gefährliche Gedanken sind. Und ich koste sie intensiv und genüsslich aus, wie eine verbotene Frucht, um sie dann seufzend wieder wegzuwerfen.

heile (Selbstbetrugs-)Welt

Es ist, als würden sie sich alle eine heile Welt bauen.

Es ist, als würde sich jeder einbuddeln, die Augen schließen, um vor dem inneren Auge ein Leben zu führen, dass weder langweilig noch außer Kontrolle geraten ist. Sie fliehen vor dem, was sie nicht wissen wollen, in ihren mühsam errichteten Selbstbetrug.

Sie haben einen Hund. Sie haben ein Motorrad. Sie haben ein Klavier. Sie haben Bücher. Sie haben Freunde. Das ist die heile Welt. Alles ist gut. Sie gehen mit ihrem Hund spazieren, fahren mit dem Motorrad davon, nur weg. Sie übertönen das dumpfe Gefühl mit Geklimper, nur nicht die Stille hören. Sie tauchen in Bücher ein, um sich selbst glauben zu lassen, sie lebten in einer anderen, wunderbaren Welt. Sie besuchen Freunde, lachen extra laut, um nicht mehr dieses etwas zu spüren. Es ist so dumpf. Sie haben es verdrängt, aber es ist dennoch da. Schlummert im Unterbewusstsein. Oder wacht im Unterbewusstsein.

Was ist es?

Sie bauen sich ihre Kulisse. Streicheln den Hund. Putzen das Motorrad. Machen Musik. Lesen. Tratschen mit den Freunden. Eine heile Welt. Es ist doch alles okay, oder?

Nein, ist es nicht, und das spüren sie auch.

Doch es ist, als bauen sich alle ihre heile Welt, um darin verschwinden zu können und um eine Tür ganz fest zuknallen zu können. Peng. An der Tür baumelt dann ein Schild:

„Betreten verbc“

Dann war die Farbe alle.