Wie weit weg bist du wirklich?

Du wartest auf mich hinter meinen Augenlidern. Mit geschlossenen Augen kann ich dir ins Gesicht sehen und ich lege all meine Liebe in diesen Blick. Da bist du immer, bist die ganze Zeit mir vor Augen. Und ich weiß, ich fühle es, wie auch du mich im Blick hast, immer wieder nach mir siehst und zu mir rüberschaust. Ich schließe meine Augen hier und du schließt deine Augen dort und dann sind wir im Blickkontakt, unsere Herzen sind in Blickkontakt. Bitte hör nicht auf, mich so anzusehen.

Und bitte erzähl mir was. Von dir. Von allem. Du erzählst mir von dir dort und ich erzähle dir von mir hier. So anders, so verschieden, wie Strophen eines Liedes, und solange immer wieder der Refrain kommt – das sich mögen und aufeinander freuen und aneinander denken – solange immer noch ein Refrain kommt, solange geht es mir gut. Wir gehen gerade zwei verschiedene Wege, doch aufeinander zu, sie führen zum selben Ziel, zum selben Punkt: Zusammen. Blickkontakt mit offenen Augen und kein Millimeter Abstand zwischen uns.

Noch liegen ein Dutzend Länder mit einem Dutzend Sprachen und einem Dutzend Kulturen zwischen uns, aber wie weit weg bist du wirklich, wenn mein Herz dein Herz sieht und dein Herz mein Herz versteht und dein Herz sich auf mich freut und mein Herz dich liebt?

Tage gewogen

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 4/4 – heute: vom Warten auf ein Wiedersehen

Ich sitze hier und zähle Tage an meinen Fingern ab. Linke Hand, rechte Hand. Wieder linke Hand. Wieder rechte Hand. Und so weiter. Immer wieder muss ich von vorne anfangen. Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger…

Zeit vergeht nicht schneller und nicht langsamer, als sie es nun mal tut. Man kann nicht daran rütteln. Sie ist, wie sie ist. Das weiß ich. Ich muss das akzeptieren. Irgendwie.

Du – ich vermisse dich. Ich vermisse dich, und wenn man vermisst, dann gibt es kein „nur noch“ und „schon so bald“. Dann ist alles „so lange noch“ und „erst dann“. Weit weg. Wie hält man das aus? Wie erträgt man? Man beginnt bei einem Tag. Dann noch einen, dann noch einen, immer weiter. Händevoll. Immer noch einmal von vorne durchgezählt.

Ich denke an dich, denke an uns, und dann spricht etwas in meinem Kopf – ganz undramatisch, eine ruhige und nüchterne Feststellung: Du bist jeden einzelnen Tag wert, den ich auf dich warte.

Tage gewogen, und wenn Vermissen die Einheit ist, dann wiegen sie schwer, und ich mag nicht mehr. Tage gewogen, und ich wiege sie daran, wie sehr du es wert bist. Leicht. Sie wiegen leicht.

Tage um Tage. Ich vermisse dich und ich weiß: Du bist es wert. Müde. Wieder ein Tag um. Gearbeitet und gelernt, gelacht und gerungen. Gottes Worte in mein Herz. Für ihn leben und auf dich warten. Ich liebe dich. Du bist es wert.

Lieber noch du

Texte vom langsamen Beginn einer ersten Liebe 3/4

Liebe ist nichts für Feiglinge, wurde mir früher mal gesagt. Ich habe das nie verstanden. Und dann kamst du und da bin ich, sind wir, und Liebe ist nichts für Feiglinge.

Heute habe ich einen Schokoladenbrunnen gesehen. Eigentlich sogar drei. Einen mit weißer, einen mit Vollmilch- und einen mit dunkler Schokolade. Ich habe das angeguckt, und dann habe ich an dich gedacht. Ich weiß gar nicht mal, wieso. Ich glaube, ich wollte es dir zeigen. Wunderbare Menschen sind hier, und wir haben viel Schokolade gegessen, es war wirklich fein. Und ich saß da und irgendwie warst du so da in meinen Gedanken. Wie viel lieber hätte ich mit dir dort gesessen.

Ich habe dich gar nicht eingeladen in mein Leben. Und du mich auch nicht. Das war alles so nicht geplant. Wie oft habe ich versucht, dich aus meinen Gedanken zu verbannen? – Und jetzt, jetzt freue ich mich so sehr auf dich. Du bist ja gar nicht hier, und doch so viel in meinem Leben.

Liebe ist nichts für Feiglinge. Ich verstehe jetzt, was gemeint ist. Die Schritte wie auf Eis, wenn man noch nicht weiß, ob es trägt. An deiner Seite, wie geht das? Vertrauen, Tiefe, so neu, fühlt sich so gewagt an, und es gibt nichts Besseres. Du sagst, du liebst mich, und ich glaube es dir. Wir schauen nach vorne und der ganze Weg liegt vor uns, der ganze wunderbare Weg, ein bisschen noch geheim und wie im Nebel und trotzdem schon so klar, ich suche deine Hand, ich will an deiner Hand sein.

Wie wunderbar es ist, „wir“ zu sagen und damit dich und mich zu meinen.

Ich liebe dich. Ich liebe dich, und wegen dir springe ich über Schatten. Über meine Schatten. Du bist mir Auslöser und Motivation, Hilfe und Rückhalt. Manchmal reden wir darüber. Von manchen Schatten weißt du gar nicht, dass ich sie überwinden musste. Ich will über sie alle alle hinweg gehen, und hier in dieser Zeit, wo ich noch nicht bei dir bin, mich mit allem, was ich bin, hineingeben in dieses Aufräumen, Reifen, Verändern, das hier passiert.  Denn ich will dir das Beste von mir geben. Die beste Sina, die ich sein kann.

Wie geht das, an deiner Seite unterwegs sein? Ich habe immer noch keine Ahnung. Ich weiß nur, dass ich das will. Dass ich dieses „wir“ will. Schokoladenbrunnen, und lieber noch wäre ich mit dir hier, nur mit dir. Deine Hand. Meine Hand in deiner, das stelle ich mir vor. Liebe ist nichts für Feiglinge. Wir sind keine Feiglinge mehr. Wir sind unterwegs.

Gestank und Schönheit

Asien stinkt.

Das ist vielleicht nicht die beste Anfangsfeststellung und wahrscheinlich auch eine völlig unverschämte Pauschalisierung, aber trotzdem. Die viel heißere, feuchtere Luft trägt einem die vielen Gerüche ungefragt auf die Haut auf. Und es riecht nach allem möglichen. Das Essen der vielen Straßenstände, der Müll, die Abgase, das Chlor im Leitungswasser – alles zu intensiv, zu viel davon.

Ständig wechseln die Gerüche und das allermeiste davon kenne ich nicht. Aber ich frage nicht danach. Ich will es gar nicht wissen. Eigentlich will gerade gar nichts wissen. Ich will nicht wissen, warum die Leute sich hier benehmen, wie sie es tun, was diese ganzen Worte und Kleidungsweisen und Schilder bedeuten, wo ich was besorgen kann und was ich welchem Fall tun muss. Ich will gar nichts wissen, sondern mein Gehirn leer bekommen, leer von all dem Wissen und Unwissen und dem ganzen Gestank.

Leer und weit soll es in mir sein, so wie die klare Luft, wenn man von einem Berggipfel zum Horizont schaut. Es liegt eine Schönheit in dieser Weite. In dieser Klarheit. Es fehlt nichts. Ich will Frische atmen, so wie wenn man über einen Gletscher geht oder wenn der Regen im Wald gerade erst aufgehört hat oder wenn es dicke, weiße Schneeflocken schneit.

Ich warte. Ich warte, dass der Gestank normal wird, das Wissen intuitiv, der Schlaf erholsam und mein Gehirn ein bisschen leerer. Warte auf Klarheit, auf Frische, auf Schönheit.

Schönheit.

Ja, in all diesem Dreck, dem Gestank und der Überforderung will ich warten, bis ich die Schönheit erkennen kann.