Wie weit weg bist du wirklich?

Du wartest auf mich hinter meinen Augenlidern. Mit geschlossenen Augen kann ich dir ins Gesicht sehen und ich lege all meine Liebe in diesen Blick. Da bist du immer, bist die ganze Zeit mir vor Augen. Und ich weiß, ich fühle es, wie auch du mich im Blick hast, immer wieder nach mir siehst und zu mir rüberschaust. Ich schließe meine Augen hier und du schließt deine Augen dort und dann sind wir im Blickkontakt, unsere Herzen sind in Blickkontakt. Bitte hör nicht auf, mich so anzusehen.

Und bitte erzähl mir was. Von dir. Von allem. Du erzählst mir von dir dort und ich erzähle dir von mir hier. So anders, so verschieden, wie Strophen eines Liedes, und solange immer wieder der Refrain kommt – das sich mögen und aufeinander freuen und aneinander denken – solange immer noch ein Refrain kommt, solange geht es mir gut. Wir gehen gerade zwei verschiedene Wege, doch aufeinander zu, sie führen zum selben Ziel, zum selben Punkt: Zusammen. Blickkontakt mit offenen Augen und kein Millimeter Abstand zwischen uns.

Noch liegen ein Dutzend Länder mit einem Dutzend Sprachen und einem Dutzend Kulturen zwischen uns, aber wie weit weg bist du wirklich, wenn mein Herz dein Herz sieht und dein Herz mein Herz versteht und dein Herz sich auf mich freut und mein Herz dich liebt?

Jason

Aus dem Oktober 2015

Das erste Mal habe ich Jason nur bemerkt, weil er als einziger zwischen all den Chinesen und Indern blonde Haare hat. Nun ja, nicht wirklich blond – eher so ein Gelbton. Wir drei deutsche Freiwillige wurden gerade mit der Mitarbeiterschaft der Kirche vertraut gemacht und versuchten uns gleichzeitig chinesische Namen, die Rollen der Menschen und die ganzen Abläufe zu merken. Da Jason eigentlich nichts gesagt hat, habe ich außer seinen blonden Haaren nicht viel von ihm bemerkt.

Das nächste Mal, als wir ihn sahen, drückte er uns eine Tüte in die Hand und sagte: „For you“ Bevor wir kapierten, was passiert war, war er auch schon wieder weg. Wie es sich herausstellte, waren es Früchte. Einheimische Früchte. Wir kannten sie nicht, und andere anwesende Chinesen erklärten uns, wie man sie isst.

Die Sache mit den Früchten wurde zu Tradition. Jason grüßte uns nur sehr selten, aber so gut wie jedes Mal, wenn er uns sah, gab er uns Früchte. Manchmal erklärte er uns noch, wie die Früchte heißen und was man von ihnen isst. Wir gewöhnten uns sehr daran, dass er sie uns manchmal beim Vorbeigehen einfach unauffällig in die Hand drückte. Während alle anderen verdutzt guckten, gingen wir ganz selbstverständlich weiter unserem Tagesgeschäft nach.

Er war es, der uns befreit hat, als das Vorhängeschloss unserer Haustür kaputt ging. Auf all unser Gerede ging er nicht ein, aber er grinste. Das erste Mal länger reden hörten wir ihn, als er bei der wöchentlichen Mitarbeitervesammlung beten sollte. Wir waren ganz fasziniert von seiner tiefen, langsamen, wohltuenden Stimme. Und er war immer da. Immer, wenn wir in der Kirche waren, war er da. „Der wohnt doch in der Kirche“, witzelte meine Mitbewohnerin irgendwann.

Heute trafen wir ihn auf der Straße. Er wollte was essen. Wir auch. Wir taten uns zusammen.

Er erklärte uns eine weitere Art, hier Essen zu bekommen, zahlte Essen und Getränke und quatschte mit uns. Es war wunderbar. Und dann fragte er: „Still got space in your stomach?“

Aus einem einfachen Abendessen wurden vier Gänge. Wir liefen einen Foodcourt weiter und kauften eine Auswahl einheimischer Früchte. Und weil es auf dem Weg lag, auch noch frittierte und teils gefüllte Teigteilchen mit einheimischen Namen. Von jedem eins. „We share“, sagte er, und bezahlte alles selbst.

„I used to live here“, erklärte er uns, als wir gerade die Früchte kauften. Es war eine ziemlich billige Wohngegend mit unglaublich vielen Menschen auf wenig Raum.

„And where do you live now?“, fragte ich.
„In church.“
Wir trauten unseren Ohren nicht.

Früchte und Teigteilchen verspeisten wir genüsslich in der Kirche. So richtig herausgefunden, wo er jetzt lebt, hatten wir immer noch nicht. Gut, das Kirchenhaus bestand neben dem Gottesdienstraum auch noch aus einem Kindergarten und Büros, aber wo sollte da noch Platz für Jason sein?

Und gerade, als wir wirklich dachten, voll zu sein, verschwand er und kam mit Schokoladeneis aus seinem Gefrierfach zurück. Es war ein Fest. Wie sich herausstellte, hatte Jason einen fantastischen Humor und wir lachten viel.

„Can we help you?“, fragten wir nach unserem Menü in der Hoffnung, endlich zu erfahren, wie er lebt. „Yes, come.“

Und dann fanden wir es – hinter einem der Hinterausgänge, sehr geschützt, stand ein blauer Container mit kleinen Fenstern und Pflanzen rundherum, eine Hängeschaukel, ein Metallregal, das Bad gegenüber vom Eingang im Kirchengebäude. Eine kleine Treppe, die zur Tür hinauf führt. Das sah doch genauso aus wie…

„You live like a German childhood hero!“

Unglaublich, unglaublich, wiederholte ich innerlich wieder und wieder. Als Kind hatte ich mir immer vorgestellt, mal so zu leben. In einem Bauwagen oder einem Baumhaus und ganz urig und nah an der Natur und mit ganz vielen schönen Sachen. Jason verstand meine Begeisterung zwar nicht so ganz, grinste mich aber trotzdem aus seinen schmalen Augen an.

„Weißt du, wie ich das heute zusammenfassen würde?“, fragt eine Mitbewohnerin auf dem kurzen Weg nach Hause und brachte es dann auf den Punkt:

„Der chinesische Peter Lustig hat uns zu einem vier Gänge Menü eingeladen.“

Mein Zimmer, meine Heimat

„Was machen wir eigentlich mit Sinas Zimmer, wenn sie weg ist?“, stellt mein Bruder beim Mittagessen in den Raum.

Mein Zimmer.

Mein Zimmer, mein allersicherster, allergeschütztester Raum. Mein Reich, wo ich einfach machen kann, was ich will. Wo ich sein darf, wie ich will. Wo ich Menschen ganz nach Belieben reinlassen und rausschicken kann. Den Ort, den ich ganz genau so gestalten kann, wie ich ihn am allerliebsten mag. Wo ich mich entspanne und bete und Zeit vergeude und Klavier spiele und lese und schlafe und arbeite und weine und schreibe. Der Ort, an den ich immer und immer wieder zurück kehre, zurück kommen kann. Hier gehöre ich hin. Diesen Ort vermisse ich, wenn ich länger weg bin. Auf diesen Ort freue ich mich, wenn ich nach Hause komme. Meine Oase, meine Basis, mein Stützpunkt für mein ganzes Leben. Schon fast ein Teil von mir. Mein Zimmer.

Ich weiß, dass den meisten anderen Menschen so ein räumlicher, ganz eigener Rückzugsort bei weitem nicht so wichtig ist wie mir. Wenn ich auf irgendeiner Freizeit bin, ist es mir total wichtig, schnell meinen Schlafplatz zu kennen und kurz eingerichtet zu haben. Erst dann habe ich Kraft für alles andere, denn dann weiß ich: Hierhin komme ich zurück. Hier habe ich meinen Platz.

Und mein Zimmer, mein Zimmer ist Basis und Krönung von alledem. Ich habe dieses Zimmer seit der ersten Klasse. Ich brauche es. Ich muss doch wissen, dass es noch da ist und ich wieder dahin kommen kann. Es ist der eine Ort, der bleibt.

Meine Familie beginnt derweil um das Zimmer zu feilschen. Mein Bruder will vielleicht doch lieber aus seinem Wandverschlag raus und endlich mal ein Zimmer haben, in das auch sein Kleiderschrank passt. Mein Vater will weg von dem Zimmer mit dem Straßenlärm und der langen Wand zum Flur. Meine Schwester überlegt, ob mein Zimmer vielleicht doch größer ist als ihres, will aber doch in ihrem bleiben. Das Klavier soll zurück ins Wohnzimmer wie früher. Das kann keiner gebrauchen.

Ich atme durch. Eigentlich, so ganz rational gesehen, dürfte mir das egal sein. Ich bin nicht einmal im Land – was sollte es mich da stören, dass mein Zimmer anders verwendet wird? Ich bin doch eh nicht da, werde nicht einmal zu Besuch kommen können. Frühstens in einem Jahr könnte ich es wieder brauchen, und selbst dann nur für ein paar Wochen oder Monate. Wie blödsinnig wäre das denn, mein Zimmer so lange einfach brach liegen zu lassen?

Trotzdem. Etwas in mir schmerzt und bricht bei dem Gedanken an den Verlust meines Zimmers. Ich will das nicht. Es soll bleiben.

Und wie das manchmal so ist, macht es auf einmal wie so ein kleines ‚Klick‘. Es ist, als würde man über eine Grenze kommen und auf neuem Boden stehen.

Es ruft mich raus in neue Zeiten, neue Welten, und da brauche ich dieses Versteck nicht mehr. Ich kann es loslassen, denn es wird alles neu. Mein Zimmer war und ist derzeit noch meine äußere und innere Heimat, doch ich bin auf dem Weg zu neuen Heimaten, neuen Welten, neuen Abenteuern. Irgendwo macht es auch Spaß, all das Alte freimütig aufzugeben. Es lässt mich frei fühlen, mein Zimmer loszulassen. Etwas reizvolles liegt darin. Wenn es diese Basis nicht mehr gibt, brauche ich auch nicht zu ihr zurück kommen. Dann kann ich auch gleich weit, weit weg gehen und alles anders machen.

„Naja, das schauen wir dann, wenn es soweit ist“, schließt meine Mutter die Debatte um das Zimmer, indem ich derzeit noch bin. Und es ist okay. Ihr dürft es haben. Ich gebe es frei.