Bauarbeiterin sein

Es tut mir leid, dass ich schon länger nicht mehr geschrieben habe, aber mein Leben ist momentan voller Baustellen.

Zum Beispiel die Baustelle Zeitplanung. Für mich gibt es nicht viel, was schwerer ist als Zeitplanung. Okay, eigentlich ist die Zeitplanung ganz leicht. Ich bin „nur“ zu blöd zum Umsetzten. Irgendwann muss ich es lernen. Ich muss es doch irgendwann mal hinkriegen können, meine Hausaufgaben Nachmittags zu machen und morgens pünktlich aufzustehen und nicht ein von drei Malen den Bus zu verpassen!

Andere Baustelle: Strebercamp. Eliteförderung Deutschlands hätte mich gern dabei. Ich wäre auch gern da, allerdings ist genau in der Zeit auch Familienurlaub und Hochzeit von der Wegweiserin. Drei Termine auf einmal. Wenn das Strebercamp mich nimmt, kann ich dann einen Tag fehlen um zur Hochzeit zu gehen? Und wie überquere ich 2 Stunden Fahrt ohne Chauffeur oder Führerschein? Und wenn Strebercamp mich nicht nimmt und ich mit meiner Familie Urlaub mache, kann ich dann meine Familie dazu bringen, zwei Tage später zu fahren? Und – soll ich Strebercamp vielleicht doch nicht machen? Das ist doch doof. Einmalige Chance. Trotzdem.

Nächste Baustelle: Arbeiten, Tests, Klausuren. Uäh. Will nicht. Ist keine längere Ausführung wert.

Noch ne Baustelle: Kirche. Bald haben wir keine Räume mehr. Und dann bleibt nur noch Hauskreis und Gottesdienst in einer Hauskirche oder in einer anderen Kirche. Wann gehts weiter? Und wo? Und wann wird sich der Hauskreis endlich richtig einpendeln?

Baustelle Freunde. Der eine Brief liegt schon drei Monate unbeantwortet bei mir rum. Der Freundin, der ich mailen wollte, hab ich immer noch nichts geschrieben. Mit noch einer anderen Freundin wollte ich mich doch treffen – nichts geworden. Und Enna auch. Und Eva. Ich bin in letzter Zeit keine sehr zuverlässige Freundin… Was für ein Frust. Ich will ja doch eigentlich.

Baustelle Praktikum. Demnächst gehts los. Das wird irgendwie entscheidend. Ich werde heraus finden, ob ich das später mal (oder was in die Richtung) werden will oder nicht. Und ich hab Angst, weil geistig chronisch kranke Menschen schwierig sein können und ich manchen Situationen vielleicht nicht gewachsen bin…

Baustelle ich. Betreten verboten – diese Baustelle ist geheim und verwirrend. Nichts für dich also.

Oh man, wie soll man nur an so vielen Baustellen gleichzeitig bauen? Das geht doch gar nicht. Und für „eines nach dem anderen“ ist keine Zeit. Wenn ich Zeitplanung drauf hätte, würden sich die anderen Probleme minimieren oder zumindest würde es sie erträglicher machen…

Hey, als Kind wollte ich doch Bauarbeiter werden. Jetzt bin ichs. Yeah.

 

bin doch nur ein popeliger Praktikant!

„Sina, Post für dich!“
Jaaa, denke ich.

`Beschäftigung als Praktikant/-in ohne Endgeld´
Ah, darum gehts. Schade, ich dachte, es wäre ein Brief. Aha, ich soll Personalfragebogen, Einverständniserklärung und Datenschutzerklärung unterschreiben und in einfacher Form zurückschicken. Okay. Oha, ich muss auch noch eine Bescheinigung der Schule mitbringen, dass das ein vorgeschriebenes Praktikum ist. Macht das einen Unterschied? Egal. Eine Bescheinigung vom Hausarzt brauche ich auch. Da soll drinstehen, dass ich frei von ansteckenden Krankheiten bin. Zählt Schnupfen? Wohl eher nicht. Bis Ostern ist der sowieso weg. Und das alles soll ich unverzüglich machen. Fett geschrieben und unterstrichen. Jaja, is gut, ich habs ja gelesen.

Datenschutz… Nun ja, ich wusste, dass ich eine Schweigepflicht unterschreiben muss, aber das Dingen übertrifft meine Erwartung.

`Zum besonderen Schutz der Persönlichkeit ist es untersagt, geschützte personenbezogene Daten oder andere Daten, die von der Rechtsordnung als schutzwürdig angesehen werden, unbefugt zu einem anderen als dem zur rechtmäßigen Aufgabenerfüllung gehörenden Zweck zu erheben, zu verarbeiten, bekanntzugeben, einem Dritten zugänglich zu machen oder sonstwie zweckentfremdet zu nutzen.´ 

Übersetzung: Behalte alle Daten für dich. Oder? Ich frage mich, wer sich den Satz ausgedacht hat und ich frage mich, wer den beim ersten Lesen versteht. Und das geht die ganze Datenschutzerklärung so weiter. Da sind Sätze dabei, die ich so wenig verstehe, dass ich sie nicht mal abschreiben will, aus Angst, dass die Gewalt verherrlichend oder sexuell anzüglich sein könnten. Ich soll das dann unterschreiben. Darf ich das überhaupt unterschreiben, wenn ich es nicht mal verstanden habe? Ich muss unterschreiben unter: `Zur Kenntnis genommen´. Das kann ich ja machen. Ich hab ja die Wörter zu Kenntnis genommen, ich habe auch zur Kenntnis genommen, dass ich am besten alles für mich behalte und ich habe auch zur Kenntnis genommen, dass da ein Papier liegt. Ich finde, damit habe ich genug zur Kenntnis genommen, um das zu unterschreiben.

Moment – gilt die Datenschutzbestimmung auch für die Datenschutzbestimmung? Oder anders: Darf ich euch das überhaupt erzählen? Hoffentlich. Die beruht ja nur auf dem Gesetz…

Ich wiederhole noch einmal: Ich bin 14 (vierzehn) Jahre alt.

Und ich soll im Personalfragebogen so einiges angeben: Personalien des Ehegatten bzw. früheren Ehegatten, Personalien der Kinder, Vorstrafen, Ausbildung und beruflichen Werdegang und Führerscheinklasse. Es gibt ja Leute, die denken, dass ich ein bisschen frühreif bin, aber so frühreif nun auch wieder nicht.

Natürlich, ich hatte schon zwei Ehemänner, Harald und Josef. Im Mai ist die Hochzeit mit meinem jetzigen Freund geplant, Simon. Meine Kinder heißen Karla, Charlotta und Frank. Ich bin schon zwei mal vorbestraft, einmal, weil ich schwarzgefahren bin, und das zweite Mal, weil ich T-Shirts bei kik geklaut hab. Meine Ausbildung umfasst verschiedene Unis und Praktikas und ich habe schon in zwei Arztpraxen, drei Müllabfuhren und bei einer Lehrerstelle gearbeitet. Ich besitze einen Traktorführerschein und einen PKW-Führerschein bis 4 Tonnen mit Anhänger.

Meine Güte, ich bin doch nur ein popeliger Praktikant!