An die Mörder

Leute, wacht auf! Augen auf! Schaut doch hin, was ihr tut!

Ja, ist mir klar, dass ihr das nicht wolltet und nicht so genau darüber nachgedacht habt. War doch nur Spaß, na sicher. Für euch war es vielleicht Spaß. Aber für sie nicht. Ja, ihr, ihr seht immer nur auf euch. Seid bequem. Schaut nur vor das Gesicht und nicht mal in die Augen, geschweige denn ins Herz. Menschen, die mit euch nicht auf einer Wellenlänge sind, werden runtergemacht.

Wisst ihr denn nicht, was für eine verdammt vernichtende Macht eure Worte haben können, und wenn sie noch so klein, witzig und unscheinbar zu sein scheinen?

Wisst ihr denn nicht, dass das das Problem mit Menschen, die euch „nerven“, nicht in deren Art liegt, sondern in eurer Unfähigkeit, mit ihnen angemessen umzugehen?

Wisst ihr denn nicht, dass es jeder einzelne Mensch auf diesem Planeten verdient, in Würde und Ehre behandelt zu werden?

Ihr tötet! Versteht das doch! Mit jedem kleinen Kommentar, mit jedem abschätzigen Blick, mit jedem lästernden Wort tötet ihr sie. Ihr foltert sie langsam und qualvoll zu Tode. Ihr löst in ihr einen Schmerz aus, mit dem sie nicht umzugehen weiß, mit dem niemand umzugehen weiß.

Ich weiß. Keiner hat es leicht in dieser Welt, und ihr wurdet selbst auch verletzt. Das ist nur eben keine Lizenz dazu, dasselbe zu tun. Auch ihr verdient Würde und einen ehrenvollen Umgang. Also gebt ihn! ALLEN!

Das ist nicht meine Sicht der Dinge, dass es auch dämliche und bescheuerte Leute gibt, die keine Wertschätzung verdienen. Wenn ich die Welt ansehe, sehe ich tolle, fantastische und bezaubernde Geschöpfe mit einem Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit, von denen keiner getötet werden soll. Keiner. Keiner. Überhaupt gar keiner. Ihr nicht und sie nicht.

Hab ich mich klar ausgedrückt?

Menschen gegen Menschen

So ein sinnloser, sinnloser Kreislauf.

Immer das selbe.

Menschen, die von Unverständnis geprägt sind. Menschen, die andere permanent abwerten. Menschen, bei denen man einfach nicht weiß, was in ihnen vorgehen könnte.

Menschen, die nicht um die Macht ihrer Wörter wissen. Menschen, die denken, sie könnten andere Menschen in gut und böse einteilen. Menschen, die meinen, andere richten und beurteilen zu dürfen.

Menschen, die andere dafür richten, dass sie richten. Menschen, die das alles nicht verstehen. Menschen, die das gar nicht bewirken wollten, was sie bewirkt haben.

Menschen, die langsam vollständig zerstört werden. Menschen, deren Inneres von Worten zerfetzt ist. Menschen, die die Hoffnung verlieren.

Menschen, Menschen, Menschen. Immer neues Mobbing, immer neue Täter, immer neue Opfer. Immer neue Fälle, die kein Mensch zu verstehen vermag. Immer neue Medien, die das alles unauslöschlich speichern und nie in Vergessenheit geraten lassen.

Und immer neue Wut in mir.
Und Hilflosigkeit. Ich kann das nicht verstehen. Dieses Täter-Opfer-Muster ist nicht immer einfach so anwendbar. Das alles funktioniert nicht so schwarz-weiß. Ich wage es nicht, irgendjemanden anzuklagen, weil ich weiß, dass das alles viel zu komplex für ein menschliches Gehirn ist. Ich kann mich nicht für besser halten. Ich weiß doch nichts! Ich weiß nur, wie sehr Menschen unter den Worten anderer Menschen leiden können. Ich weiß, was für Wunden ein paar Worte in einem Herz hinterlassen können. Und ich weiß, dass das, was der andere als Scherz oder harmlosen Kommentar versteht beim anderen der Tropfen sein kann, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Menschen tun sich soviel Leid gegenseitig an. Manche realisieren es nicht. Manche tun es ganz bewusst. Und ich verstehe das alles nicht.

Und die, die dagegen aufstehen, sind entweder falsche Schlangen oder gehen spurlos in der Masse unter wie ein Tropen im Ozean. Es ändert sich doch nichts.

Oder etwa doch?