Meine Lehrer – Kurzpotraits

Achtung, bissig.

Alle Gegebenheiten sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

Englischlehrerin – kann Englisch, aber nicht analysieren, lässt sich von Reden und Boulevard-Artikeln reinlegen. Mag alte-Leute- und kleine-Mädchen-Kleidung, obwohl sie vielleicht 35 ist. Legt zu meinem Nachteil sehr viel Wert auf Vokabeltests.

Chemielehrerin – macht Physik statt Chemie. Färbt sich nur etwa einmal im Jahr ihre Ansätze nach. Braucht ne viertel Stunde, um die Anwesenheit zu checken und hat angeblich letztens eine mittelstarke Säure ins Gesicht gekriegt. Hat irgendwie keinen überrascht.

Pädagogiklehrerin – setzt auf Fleiß statt auf Intelligenz oder Wissen und braucht jedes Mal zwanzig Sekunden, um sich zu überlegen, wen sie dran nimmt. Hat offensichtliche Lieblings- und Hasschüler. Bestraft nicht gemachte Hausaufgaben natürlich pädagogisch wertvoll mit Freistunden.

Sowilehrer – hats drauf. Könnte wahrscheinlich Deutschland alleine schmeißen. Erzählt allerdings immer das selbe. Und sein Alter wird ihm mit zunehmender Vergesslichkeit peinlich. Hab aber noch nie einen älteren Mann so unterhaltsam von früher erzählen hören. Ich glaube, wir beneiden alle ein wenig seine 4-jährige Enkeltochter.

Musiklehrer – ganz lieb, aber nicht für uns. Sollte besser musikalische Früherziehung machen. Mag Überinterpretation. Ermahnt prinzipiell nie. Lobt fast jeden Beitrag und haucht dann mit aufgerissenen Augen ein „Prima!“, als hätte er etwas so faszinierendes noch nie gehört. So farblos, dass man seine Gegenwart zwischen Tafel und Pult manchmal nicht bemerkt.

Relilehrerin – bewertet alle Beiträge prinzipiell als richtig, auch wenn sie in sich schon unlogisch sind. Stellt gern pfiffige unkonventionelle Theorien auf. Guckt fast verstört, wenn man ihr dann widerspricht. Hat den Mut, ihre Haare naturgrau zu tragen, und sieht dabei auch noch ganz gut aus.

Mathelehrer – Bei ihm wird ein LK zum Mathestudium. Steht auf GeoGebra (das er ge-OOO-ge-bra ausspricht) und insbesondere auf Schieberegler. Seeehr schadenfreudig. Lästert gern. Je besser dein Mathe, desto mehr mag er dich. Ach, ihr kennt den LausbubLehrer eh.

Deutschlehrerin – sieht aus wie ein Model in Rente. Macht im Ausgleich zum Mathelehrer den LK eher zum GK. Mag innere Monologe und Schaubilder. Hat sympathischerweise keine Angst, sich zum Affen zu machen.

Sportlehrerin – Chillerin. Backt Muffins für uns. Quatscht gerne mit uns über Familien, Musik, Handys … Lacht viel, besonders wenn wir irgendetwas nicht hinkriegen. Hat manchmal genauso wenig Bock wie wir. Gönnt sich in der elften und zwölften oft nen Kaffee, den sie dann genüsslich schlürft, während wir Sport machen.

Fortsetzung mit ehemaligen Lehrern von mir gefällig? Da sind noch ein paar gute dabei. :D

Bis du Bilder malst.

Du bist so vorsichtig, Süße. Ich sehe das an der Art, wie du im Unterricht auf deinem Collegeblock zeichnest. Oder wie du mit Leuten sprichst. Du willst keine Fehler machen. Am allerliebsten hättest du keinen gegen dich.

Und dann, manchmal, pikst dich irgendwo etwas, innen drin, und du fängst an zu diskutieren, stellst Fragen, kritisierst, und meist zu Recht.

Und dann – ist es wieder vorbei, und du bist wieder vorsichtig. Ziehst den Kopf ein und willst es nicht. Die Erwartungen deiner Eltern und von dir selbst – du willst zuverlässig sein, immer da, pflichtbewusst, das Beste geben für alle.

Wenn ich eine Feder hätte, mit der das ginge, würde ich dein Inneres kitzeln, bis du explodierst. Bis du ihnen allen die Meinung sagst. Bis du dein Verantwortungsgefühl und deine Perfektion nicht mehr auf die Erwartungen anderer richtest. Bis du mutig und furchtlos ein paar fette Fehler machst, dein Kinn hebst und die Welt angrinst. Bis du diese heiße, peinliche Scham feuerst und sie gnadenlos auf die Straße setzt. Bis du lachst, laut und offen und trotzig, weil du das gar nicht bist, zu was sie dich machen wollen.

Bis du beginnst, mehr du zu werden, wie du auch sein kannst, vielleicht wirklich bist, und Bilder malst, die du nicht kannst, weil dus kannst.

Gesucht.

Menschen, die mich herausfordern.

Menschen, die mich spiegeln, mir sagen, was falsch läuft. Nicht welche, die mich einfach irgendwie kritisieren, nee. Ich meine solche, die es wirklich wirklich gut mit mir meinen und mir gerade deshalb ehrlich die Schwachstellen zeigen.

Ich meine so Leute, die es abkönnen, wenn ich mich total aufrege, und die mich unzufrieden nach Hause gehen lassen können, weil sie wissen, dass ich daran wachsen werde. Ich meine diese Menschen, die bewusst Konflikte provozieren, um einen damit voranzubringen. Die manchmal meine Fragen nicht beantworten, weil sie wissen, dass ich es selbst lernen muss.

Und die es trotzdem immer gut mit mir meinen. Die sensibel und voller Liebe sind. Bei denen ich mir sicher sein kann, dass sie mir nichts Böses wollen. Menschen, die wirklich an mir und meinem Vorankommen interessiert sind.

Wisst ihr eigentlich, wie selten solche Menschen sind?

Eine Klebeband-Pflanze und Wie Menschen wachsen

Nein, der schwarze Streifen da unten war nicht ich. Der war da vorher schon.

Nein, der schwarze Streifen da unten ist nicht von mir. Der war da vorher schon.

Bei einem Kreativprojekt vor ein paar Tagen habe ich diese Pflanze geschaffen. Sie besteht auf Tape und klebt an einer weißen Wand. Irgendwann wird die Pflanze ein Baum sein.

Wachstum ist ein bisschen so ein Lebensthema von mir, glaube ich. Es ist mir total wichtig, selbst zu wachsen, und ich liebe es, andere Menschen zu Wachstum herauszufordern.

Das Bild eines Baumes für das Wachstum eines Menschen ist so faszinierend und erlaubt so viele Parallelen.

Worin schlägst du deine Wurzeln? Was sind die Nährstoffe, die du aufnimmst? Sei weise, denn du bestehst zu großen Teilen aus dem, was zu aufnimmst, sei es auf materielle oder immaterielle Sicht. Sind deine Wurzeln tief genug, um Widerstand und Widrigkeiten standzuhalten oder bist du leicht zu erschüttern und zu manipulieren? Wächst du an einem Fluss mit gutem Wasser oder eher in der Wüste? Und bringst du gute Frucht, bewirkst du etwas? Oder anders gesagt: „Multiplizierst“ du dich? Ich meine jetzt nicht nur in Bezug auf Nachkommen, sondern auch in Bezug auf die Auswirkungen deines Handelns und deiner Worte und auf die Weitergabe deiner Gaben und Kenntnisse. Das, was du hervorbringst und tust (die Blätter), gibt es dir Kraft (durch Photosynthese)? Sei weise, denn es fällt auf dich zurück: Die Blätter, die welken und zu Boden fallen, sind der Boden, auf dem du wächst, sind die Nährstoffe, die du aufnimmst. Und dein Stamm: Ist er stabil? Hält er alles in gutem Gleichgewicht, das Innerliche und das Äußerliche, dich selbst und was du tust, die Wurzeln und die Baumkrone? Hält er alles zusammen und geht es dir eher so, dass zwischen deinen Wurzeln und deiner Baumkrone die Verbindung fehlt? Zu viel Blätter auf zu wenig Wurzeln ist zerstörerisch, und zu viel Wurzeln auf zu wenig Baumkrone ist der reine Frust.

Oder anders: Die kleine Pflanze braucht Schutz, guten Boden, Licht und die richtige Menge Wasser, um zu wachsen. Ohne geht es nicht. Hat sie das nicht, wird sie entweder krüppelig oder geht ganz ein. Bekommt sie jedoch, was sie braucht, kann sie zu einem mächtigen Baum heranwachsen. Doch auch der ist nicht unverwundbar. Kriegt er nicht mehr genug Wasser und schlägt er seine Wurzeln nicht tief und stabil genug, ist ein machtvoll erscheinender Baum schnell mal vorüber, mehr eine heuchlerische Erscheinung als eine erhabene Macht. Und gefällt werden kann er sowieso immer.

Oder noch anders: Was ist deine Art, zu wachsen? Man kann keine wachsende Eiche dazu zwingen, eine Buche zu werden. Sie wird sterben, wenn man es versucht. Auch wenn kleine Sprösslinge irgendwie alle gleich aussehen (Laie, ich weiß), sind sie später doch total unterschiedlich und von ganz vielfältiger Relevanz. Und bist du eine Eberesche, macht es kein Sinn, eine Trauerweide werden zu wollen. Wenn du eine Rotbuche bist, versuche nicht, Mangos hervorzubringen. Jeder Baum hat seine ganz eigene Berechtigung und jeder Vergleich ist rational gesehen völliger Unsinn. Und jeder hat auch so sein ganz eigenes Umfeld, indem er aufgeht. Jeder Versuch, einer Baumart das Umfeld einer ganz anderen Art aufzuzwingen, ist vertane Zeit, vertane Arbeit und vertanes Potential.

Ihr seht schon, dieses Bild eines Baumes hat mich ziemlich begeistert. Aber hey – warum sagt man sonst: Ein Mann wie ein Baum? Ein reifer Mensch ist stabil wie ein Baum, bietet Schutz wie ein Baum, er bringt gute Früchte hervor und er ist einfach ein schöner Anblick.

Wenn ich groß bin, will ich genau so werden.

Sockel-Menschen

(Aus aktuellem Anlass diesen Text vom 02. August 2013.)

Ich sehe dich.
Du hast etwas an dir, was mir fehlt.
Du hast eine Beziehung zu Menschen, die ich nicht habe.
Du trittst auf eine Weise auf, die ich nicht beherrsche.
Dann schaue ich zu dir auf, bewundere dich, und stelle dich wie auf einen Sockel.

Wenn ich dich sehe, achte ich darauf, wie ich mich verhalte. Wenn ich mit dir rede, freue ich mich, weil du mir Aufmerksamkeit gibst. Ich beobachte dich, wie du bist, was du tust, und irgendwie will ich dir gefallen.

Und wenn ich das realisiere, das bemerke, ist es mir peinlich. Ich will das nicht. Du bist ja auch ein Mensch, der auch Gefühle, auch Fehler und auch Zweifel hat. Müssten wir da nicht zumindest annähernd auf einer Ebene stehen?

Aber ich weiß nicht, wie das geht. Wie kann ich in dir einfach dich sehen? Ein liebenswerter Mensch mit Fehlern, einer wie ich. Wie kann ich mit dir umgehen, sodass es passt? Weder abwertend noch verehrend. Wie kann ich mich von diesem Sockeldenken lösen, das in mir Wurzeln geschlagen zu haben scheint, und eine entspannte Einstellung zu dir entwickeln? Ohne es auf deine Aufmerksamkeit und Wertschätzung anzulegen.

Einfach nur ich und einfach nur du. Sonst nichts. Zwei Menschen, zwei Garnituren Stärken, zwei Garnituren Schwächen. Einer wie der andere, frei von Hierarchie und Rangordnung. So soll es sein, oder?

Ich finde nur den Weg dahin nicht.

Menschen gesehen

Und ich habe einen jungen Mann gesehen, in meiner Vorstellung ein Informatikstudent, der sein ferngesteuertes Modellauto in der Innenstadt zwischen den Füßen der Passanten hindurch gesteuert hat, total ausgerichtet auf das, was um ihn passiert, hoch aufmerksam für die Menschen, und doch ganz in seiner eigenen Welt.

Und ich habe einen Vater und seine Tochter gesehen, wie sie an der Ampel entlang kamen und die Tochter fragte, wie das denn sei, mit dem rot, dem gelb und dem grün, und wie der Vater mit ihr stehen blieb, ihr alles erklärte und sie zusammen beobachteten, wie die Lichter umsprangen, und wie man ihm den Stolz auf sein Mädchen ansehen konnte.

Und ich habe ein altes Ehepaar gesehen, dass auf einer Bank im Park saß und die Zeit hatte, einfach nur zu gucken und zu schweigen, ohne den Zwang, über Belanglosigkeiten zu reden, um die Stille zu füllen, sondern in der Lage dazu, Ruhe in der Stille zu finden, einträchtig beieinander, ihre Hand in seiner, wie die Erinnerung an ein altes Versprechen.

Und ich habe eine Gruppe Männer gesehen, die einfach so auf dem Bürgersteig saßen, als hätten sie sich zufällig dort getroffen, zwei Gitarren und ihre Stimmen dabei, aber keinen Hut, im Kreis, auf sich gerichtet und nicht auf die vorbeiziehenden Menschen, wie sie einfach ihre Freude an der Musik hatten, und wie sie einerseits ein totaler Fremdkörper waren in dieser Welt voller Hektik und Scham und andererseits die Situation einfach stimmig war, weil sie sie selbst waren.

Und ich habe eine Teenagerin gesehen, wie sie an der Ampel stand, gegenüber wohl jemand, auf den sie sich freute, denn sie hüpfte und drehte sich im Kreis und hatte ein wundervolles und vollkommenes Strahlen im Gesicht, wartend auf das grüne Licht, voller Vorfreude, ein Anfang, wovon auch immer, und sie war dabei und sie war lebendig.

Und ich habe mich selbst gesehen, in den Schaufensterscheiben gespiegelt, wie ich durch die Stadt ging und schaute.

Mein Brief an Jeanne

Salut Jeanne,

oder soll ich Jeanette sagen? Oder Johanna? Oder „die Jungfrau von Orleans“? Ich glaube, ich nenne dich erst mal Jeanne, so wie die, mit denen du viel zu tun hast.

Ich bin Sina, ein 15-jähriges Mädchen, und ich würde dich gerne kennen lernen. Du hast Frankreich von den Engländern befreit – beziehungsweise bei der Wende stark mitgewirkt. Und selbst wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum du Frankreich als so heilig ansiehst – schließlich ist es das Franzosenland – bin ich neugierig, wie du so bist. Ich hab jetzt drei Bücher über dich gelesen, ein richtig gutes und zwei richtig schlechte. So ein bisschen was weiß ich also schon über dich. Ich würde gern hören, was du zu dem sagst, was da so über dich steht. Besonders zu den beiden schlechten Schriftstücken – das eine, wo du (weil für Jugendliche angeblich besser geeignet) als naives, dummes und wildes Mädchen beschrieben wirst, und das andere, das dich als katholische Heilige darstellt und (weil sonst nicht heilig genug) ganz bewusst die Hälfte der Informationen weglässt. Ich glaube, du wirst entweder richtig laut lachen oder ausrasten.

Ich bewundere deine Geradlinigkeit, Jeanne. Dein entschlossenes Losgehen und Durchpowern. Du hast eine Entscheidung in aller Konsequenz getroffen. Du hast dich nicht abhalten lassen, sondern hast gekämpft und viele, viele Menschen mitgezogen. Und trotzdem bist du in Kontakt mit Gott geblieben. Deine Überzeugungen sind unerschütterlich. Du stehst unerschrocken zu dem, was du glaubst, und bietest damit allen die Stirn. Ich glaube, ich kann sehr viel von dir lernen. Du zeigst mir irgendwie, was es heißt, ausgesandt zu werden.

In deiner Art, mit Menschen umzugehen, bist du ganz besonders ein Vorbild für mich. Du bist nicht scheu oder schüchtern. Du hast keine Angst vor Leuten. Du vergötterst niemanden. Du lässt dich nicht einschüchtern oder manipulieren. Keiner ist dir zu hoch oder zu niedrig; es ist eher so eine Ebene, oder? Du bist einfach respektvoll und freundschaftlich, du ermutigst, begeisterst und weist zurecht. Du bist in der Lage, in anderen Selbstvertrauen und Mut zu wecken.

Und trotzdem bist du verletzlich. Du weinst. Und das macht mir auch Mut. Du bist ein Mädchen wie ich. Du hast auch Schwächen – zum Beispiel für schöne Rüstungen. Verstehe ich. Welches Mädchen will nicht schön sein? Weißt du, ich habe dieses Jahr auf einem Feriencamp ein Kettenhemd angehabt – das war auch toll. Wie muss dann erst eine Rüstung sein? – Und ich glaube, ich verstehe auch deine Enttäuschung und deine Verbitterung, als auf einmal nur noch Desinteresse für dich da war, sobald du in Feindeshand gelandet bist. Menschen sind irgendwie immer noch nur Menschen, daran hat sich noch nie etwas geändert.

Ach Jeanne, ich mag auch einfach deine Art. Deine Schlagfertigkeit, deine Klugheit, deine Wildheit, all das. Ich würde dich gern mal einladen. Wir könnten zusammen was essen und dann nen langen Spaziergang machen, bei dem du mir alles erzählst, wie es wirklich war. Ich will von dir lernen und ich will deine Meinung zu meiner Situation hören. Wenn es dann spät ist, kannst du auch bei mir übernachten. Wie haben ein Gästebett, da kannst du schlafen.

Ich schreib dir einfach mal, wann ich so Zeit hab, und du kommst vorbei, wann es dir passt, okay?

Ich freu mich auf dich!

Sina