1 + 1

1 + 1 = 2

Meistens.
Nur bei manchen ist das anders. Da wird aus eins und eins eins. Eine Geschichte, ein Humor, ein Weg, Gedanken im Einklang, zwei Menschen im Gleichklang. Stehen voreinander, die Masken sind weg und sehen uns an. Die Augen, sie sagen, wer wir sind, in uns und du und ich und alles dazwischen, sehen sich an und ein Blick ist ein Kompliment, ein Ich-mag-dich, ein schön-dass-du-da-bist. Wissen voneinander, übereinander, wissen nach ein paar Sekunden die Stimmung, weil wir uns lesen lernen, mehr und mehr. Es ist ein Herzen öffnen, immer wieder sich suchen, um sich neu zu finden, weil man es sich wert ist.

1 + 1 ist 2, und es sich zwei Welten, zwei Lebensgeschichten, zwei Mal andere Stärken und Schwächen, und doch, manche Zeiten gibt es, das sind 1 und 1 mehr 1 als 2.

Sprüche-Auseinanderrupf-Kommando in 3 … 2 … 1 …

Ahnungslos klickte ich heute in einem nicht näher definierten sozialen Netzwerk herum, als ich plötzlich frontal angegriffen wurde. Ein Satz zu einem Selfie, so kitschig und möchte-gern-tiefsinnig wie es nur eben geht, und zusätzlich noch von Grund auf falsch.

Es sind die Starken im Leben, die unter Tränen lachen, ihr eigenes Leben verbergen, um andere glücklich zu machen.

Nein, das sind die Dummen.

  1. Du wirst einen anderen niemals wirklich glücklich machen können und es wird auch nie ein anderer dich glücklich machen können. Ich stelle mir manchmal vor, dass Menschen so vielschichtig sind wie Zwiebeln, und dass verschiedene Gefühle und Verletzungen unterschiedlich tief gehen und unterschiedlich viele Schalen betreffen. Das Glück, welches du in anderen erzeugen kannst, betrifft nur auf die äußeren Schichten. Du wirst nie einen Menschen so glücklich machen, dass ihn das durchdringt.
  2. Du wirst nicht alle gleichzeitig glücklich machen können. Selbst wenn du die einen soweit wie möglich glücklich machst, gefällst du den anderen nicht.
  3. Du wirst daran kaputt gehen. Wenn du andere glücklich machen willst, rennst du dein Leben lang deren Erwartungen hinterher, wirst leer, ausgelaugt und bitter. Außerdem verlierst du dein Rückgrat. (Oder du bildest nie eins.)
  4. Du kannst nicht „dein Leben verbergen“ und „andere glücklich machen“ gleichzeitig. Wenn du vom Hinter-Erwartungen-herlaufen leer, ausgelaugt und bitter wirst, kannst du andere nicht mehr glücklich machen, auch wenn du es „verbirgst“ und „unter Tränen lachst“.
    Nur wenn du selbst mit Frieden gefüllt bist, kannst du Frieden weitergeben.
    Nur wenn du selbst mit Freude gefüllt wirst, kannst du Freude weitergeben.
    Nur wenn du selbst mit Glück gefüllt bist, kannst du Glück weitergeben.
    Was du nicht hast, kannst du nicht geben.
    Klingt logisch, oder?
  5. Was ist daran stark, sein Leben zu verbergen und eine lachende Maske aufzusetzen? Viel stärker ist es, sie abzunehmen und sich dem zu stellen, wer man wirklich gerade ist, weder sich selbst noch anderen etwas vorzuspielen, sich zu öffnen, verletzlich zu machen, bewusst Schwäche und Schmerz zu empfinden, und dann vielleicht um Hilfe zu fragen, vielleicht daran weiterarbeiten, und so weiter. Masken sind ein Zeichen von Schwäche, sei es emotional, charakterlich oder sonstwie.
  6. Ich höre aus diesem Satz heraus, das diejenige Person andere nicht mit ihrem Leben belasten will. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Mal angenommen, es stimmt: Das funktioniert nicht. Jedenfalls nicht bei sensiblen Menschen wie beispielsweise mir. Ich spüre so oder so, dass da etwas ist, und mich macht es glücklicher, wenn derjenige sich öffnet und mir alles erzählt und meine Hilfe (und wenn es nur Zuhören ist) annimmt als wenn er sich versteckt, um mir nicht zur Last zu fallen. Das (also das nicht zur Last fallen wollen) ist für mich viel eher eine Last. Es erzeugt im schlimmsten Falle Befremdung, Oberflächlichkeit und sogar Angst. Und ich denke, da geht es nicht nur mir so.
  7. Außerdem klingt für mich der Spruch so, als würde die Person die anderen über sich selbst stellen. Das ist etwas, bei dem man sehr vorsichtig sein muss. Es klingt total vorbildlich, ich weiß. Aber: Bevor du in deiner Identität und deinem Charakter nicht fest bist und bevor du deine emotionalen Grenzen nicht kennst und einhalten kannst, solltest du das nicht tun. Versuche, die anderen mit dir auf eine Stufe zu stellen, und lasse dich bitte bitte nicht von ihnen bestimmen, und in gar keinem Fall so, wie in dem Zitat beschrieben. Dich dazu bringen zu lassen, aufgrund von dem Glück anderer dein eigenes Leben zu verbergen, ist schrecklich.

Um dem Spruch wenigstens ein bisschen seiner Würde zurückzugeben:
Ich finde den Ansatz gut, trotz Schmerz zu lachen.
Und es ist ehrenwert, nicht immer alles um sich drehen zu lassen, sondern einen großen Teil seiner Zeit für andere da zu sein, was in diesem Satz zumindest angedeutet wird.

Merke:
Nicht alles, was tiefsinnig klingt, ist auch tiefsinnig.
Besondere Vorsicht ist bei Kitsch geboten.

Und:
Du kannst keine andere Menschen glücklich machen.
Dein Leben Verbergen erzeugt zudem gar kein Glück.

So. Eine weitere Etappe geschafft im Kampf gegen blöde, pseudo-tiefsinnige Sprüche.

Die Vorgänger:
Never give upSelbstlob stinktSag deiner wütenden Freundin, dass sie süß aussieht