Kleine, feine Worte

Mein Bruder und ich unterhalten uns über einen Jungen, den wir vom Sommerlager kennen und mit dem ich mich sehr gut verstehe.

„Ich würde es so sagen. Er ist nicht dein Freund und das ist auch gar kein Thema bei euch, aber wenn dich ein Kerl auf dem Camp angemacht hätte, gäbe es zwei Menschen, die ihn verprügeln würden: Ich und er.“

Ich muss lachen, denn das trifft es verdammt gut.

Aber – noch mal zurückspulen. „… zwei Menschen, die ihn verprügeln würden…“ Prügeln – wegen mir. Für mich. Kämpfen. Mein Bruder.

Du weißt es nicht, aber mein Selbstwertgefühl feiert gerade eine Party.

 

Schlicht unverfälscht

Nicht genau so passiert.

„Hast du dich eigentlich schon mal geschminkt? Ich meine – so richtig?“, fragt die eine Frau, in der ich irgendwie immer noch nur eine älter gewordene Teenagerin sehen kann.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Meine Schminkerfahrungen beschränken sich auf Wimperntusche, Kajal, Concealer und Puder.
„Willst du mal so richtig geschminkt werden?“
„Okay“, antworte ich. Schaun wir mal.

Eine ganze Weile lang trägt sie verschiedene Mittel auf mein Gesicht auf, überlegt und vertuscht und hebt hervor, versucht nachzubessern und zu verändern. Schließlich ist sie so weit, schiebt mich vor den Spiegel. Stolz betrachtet sie ihr Werk.
„Schön“, sage ich. Und fremd, füge ich in Gedanken hinzu. Ganz fremd.

Ich gehe wieder auf mein Zimmer und schaue mich eine Weile im Spiegel an. Versuche, mich daran zu gewöhnen. Dann gehe ich zum Waschbecken und mache alles weg, die aufgetragene Veränderung, das Schönheitsideal, an das ich angepasst wurde, den ganzen Kram, der meine Haut kaputt macht, all das wasche ich ab, wasche ich weg. Mein Spiegelbild sieht wieder aus wie ich, ganz unverzerrt und ehrlich, die Macken und Kanten wieder offen und ungeschliffen, auf dass sich ruhig alle daran stoßen.

Als ich zum Abendessen komme, nimmt sie enttäuscht zu Kenntnis, dass ich ihre ganze Arbeit zerstört habe. „Fandest du es denn nicht schön?“

„Doch, es war schon schön“, antworte ich. „Aber ich mag mich so lieber.“

So muss das.

Folgende Situation auf dem Zeltlager: Vor uns liegt eine Wanderung. Ein Mädchen hatte kaputte Beine, mit denen sie nur sehr kurze Strecken zurücklegen konnte. Also haben sich zwei Jungs einen kleinen Wagen geschnappt, haben sie da rein gesetzt und sie gezogen bzw. geschoben. Irgendwann ging der Wagen kaputt. Ab da wurde sie dann getragen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto faszinierender finde ich das.

Die Jungs waren nicht nur einfach hilfsbereit. Sie waren Männer. Sie waren stark für das Mädchen. Sie wurden gebraucht. (Ich habe mir sagen lassen, dass das für Männer sehr wichtig ist.) Endlich konnten sie mal kämpfen (in gewisser Weise), und dann auch noch für ein Mädchen, na aber hallo. Sie hatten die Gelegenheit, zu beweisen, dass sie es drauf haben, und sie haben es geschafft.

Und sie? Ihr wurde vermittelt: ‚Du bist wertvoll. Es ist für uns wichtig, dass du dabei bist. Wir setzen uns dafür ein, dass du mitkommen kannst, auch wenn das Arbeit für uns bedeutet. Weil es toll ist, dich da zu haben. Du bist es wert.‘ Ihre Anwesenheit war eine umkämpfte Sache, das wusste sie. Und sie war so weise, diesen Einsatz der Jungs für sie annehmen zu können und sich dabei einfach wertvoll, glücklich und schön zu fühlen. Das Ganze hatte eine große Bedeutung für sie. Am Ende des Lagers meinte sie, es sei eine der tollsten Sachen der Woche gewesen, da mitkommen zu können. Na, man kann sich denken, wie sich die Jungs bei den Worten gefühlt haben.

Tadaaa, alle glücklich. Win-Win-Situation. Hier ist endlich mal alles richtig gelaufen. Naja, außer dass der Wagen jetzt kaputt ist. Aber trotzdem: Nehmt euch ein Vorbild, ihr Leute alle. Ich find das toll. Solche Situationen bewahren mir den Glauben an die Menschheit.

Ich pfeife auf den Königssohn

Beim Durchsehen meiner alten Schulsachen bin ich auf ein Gedicht gestoßen, dass wir in der dritten Klasse auswendig lernen mussten. Es ist von Jutta Richter und heißt „Ich pfeife auf den Königssohn“ und enthält so viel Weisheit, dass es fast ein bisschen unglaublich ist für ein so simples, leichtes Gedicht. Man mag denken, dass die Botschaft veraltet ist, moderne Rollenbilder und Emanzipation und so, aber wenn ich mich so umsehe, finde ich ganz schnell so einige Mädels, die lieber sehnsüchtig auf ihren Prinz der Träume warten als selbst zu leben. Steht auf!

Ich pfeife auf den Königssohn
von Jutta Richters

Dornröschen war ein schönes Kind
und schlief einhundert Jahre.
Schneewittchen biss vom Apfel ab
und lag tot auf der Bahre.
Und wie das so bei Märchen ist,
hat der Prinz sie wachgeküsst.

Ich pfeife auf den Königssohn.
Ich bin nicht tot, ich lebe schon!
Und wer’s nicht glaubt, der sollte gehn,
der wird mich nie verstehn.

Ein Mädchen sollte Strümpfe stopfen,
kochen, backen, stricken.
Es sollte hübsch und artig sein
und einen Mann entzücken.
Und wie das so im Leben ist,
man wartet und wird wachgeküsst.

Ich pfeife auf den Königssohn.
Ich bin nicht tot, ich lebe schon!
Und wer’s nicht glaubt, der sollte gehn,
der wird mich nie verstehn.

Du, meine Tochter, glaube nicht,
was solche Märchen sagen.
Sieh dort im Spiegel dein Gesicht,
du musst das Leben wagen.
Geh tapfer vor und nie zurück,
vertraue dir und deinem Glück.

Und pfeife auf den Königssohn.
Und schlafe nicht, du lebst ja schon!
Wer das nicht glaubt, den lasse gehen,
der wird dich nie verstehen.

10 Fakten über mich

1) Ich bin nur Rechtshänder, weil ich mir mit vier Jahren das linke Handgelenk gebrochen habe. Vorher habe ich meine Hände gleichberechtigt verwendet.

2) Ich bin ein Mädchen und hasse pink. Jap, und ich bin stolz drauf.

3) Ich kaufe keine Bücher, ich adoptiere sie. Ich habe nicht viele Bücher, aber die, die ich habe, werden mehrfach gelesen und liebevoll gepflegt. Sie werden auch nur sehr ungern verliehen. Ich habe irgendwie Angst, dass einem meiner Schäfchen etwas zustoßen könnte.

4) Das schlimmste, was mir je serviert wurde, ist Linsensuppe. Ich HASSE Linsensuppe. Legendär ist ein Zitat von mir von einer wirklich anstrengenden und ätzenden Fahrradtour: „Das ist schlimmer als drei Teller Linsensuppe.“

5) Meine Referate sind besser, wenn ich mich kaum darauf vorbereite. Erklär mir das mal einer.

6) Ich finde Schuhe irgendwie unnatürlich. Und hohe Schuhe erst recht. Wenn ich nicht so eine Frostbeule wäre, würde ich ständig barfuß rumlaufen.

7) Die Sportart, die mir bis jetzt am meisten zusagt, ist windsurfen. Dafür wohne ich nur leider am falschen Ort.

8) Egal, ob in der Schule, in der Kirche oder sonstwo: Ich bin immer die Jüngste im Freundeskreis. Das ist keine Absicht! Naja, oder ich bin mit Abstand die Älteste, aber das ist ja was anderes.

9) Ich bin immun gegen Motivationsversuche. Entweder bin ich motiviert oder nicht. Daran kann kein Mensch etwas ändern. Versuchs doch!

10) Wenn ich draußen mit jemandem durch die Natur gehe, fange ich manchmal an, einfach so Geschichten zu erzählen über das, was ich sehe. Meine Mama und mein großer Bruder können da ein Lied von singen. Und die sind gar nicht mal so schlecht! Also mein Bruder meinte irgendwann, das wäre Roman-tauglich.

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Episode  2  3  4  5

Gedanken, an die ich mich noch gewöhnen muss

Ich bin ein Mädchen und ich bin eine Frau. Eine Frau und ein Mädchen. Menschen sehen beides in mir. Menschen sehen eine Frau in mir. Ich kann in mir noch lange keine Frau finden. Da ist nur ein 15-jähriges Mädchen. Mädchen, Frau, Frau, Mädchen. Was ich wirklich bin, weiß ich nicht. Ich bin Sina! Aber sonst…?

Wenn Jungs mit mir reden, könnte es sein, dass sie flirten. Letztens hat ein Lehrer den Spruch „Jetzt hör doch mal zu, du kannst in der Pause mit Sina flirten“ gebracht, und da ist es mir wie Schuppen aus den Haaren aus den Augen von den Augen gefallen. Der Kerl hat ja wirklich mit mir geflirtet. Upps. Wer weiß, wie oft das schon vorgekommen ist, ohne dass ich es mitgekriegt habe. Ich rechne irgendwie überhaupt nicht damit.

Ich kann Menschen berühren. Ich kann Menschen mit dem, was ich sage und bin, zum Weinen oder zum Lachen bringen. Ich kann Menschen ermutigen, inspirieren und beschäftigen. Ich kann Menschen bewegen. Und ich kann erwachsene Menschen bewegen. Ich kann ein Vorbild sein. Was immer das auch heißt.

Gedanken, dich mich immer wieder in stummes Erstaunen bringen. Dabei ist es gar nicht so etwas besonderes. Ich bin es nur einfach nicht gewohnt.

Was ich schön finde

Persönliches Nein hierzu:

1. Lippenstift. Ganz ehrlich: Lippen haben Lippenfarbe zu haben. Wenn man diese ein wenig abändert – okay, kann ich mich mit anfreunden. Aber knallrot, babyrosa oder gar schwarz? Finger weg, bitte.

2. Colour-Blocking. Damit meine ich jetzt die Version, bei der man einfach nur Hinguckfarben anzieht, (die finde ich cool,) sondern die Version, wo sich alles schön beißt. Ich mag einfach nicht, wenn das nicht passt! „‚Augenkrebs“, haben wir früher gesagt. Vielleicht etwas zu gemein ;-)

3. Richtig hohe Schuhe. Ich gebe zu: Es gibt Frauen, die das tragen können und damit echt gut laufen können! Aber die allermeisten schwanken darauf rum wie ich früher auf Stelzen oder laufen wie ein Storch. Und das ist dann eher gut für die Belustigung anderer als für die eigene Schönheit ;-)

Persönliches Ja hierzu:

1. Selbstgemachte und selbstumgestaltete Sachen. Dafür! Werdet kreativ, malt eure Hosen an, schneidet was ab, näht was um, strickt euch was, wie auch immer. Gerade das Anmalen von Hosen finde ich einfach mega gut. Ich mag einfach dieses persönliche und kreative daran.

2. Frisuren. Ich mag einfach das Gestalten von Haaren. Ob Dreads (Dreads! <3), kreative Dutts, Zöpfe oder sonstige Frisuren und allen erdenklichen Formen – toll! Ich finde es echt schade, wie gleich und einheitlich viele Mädels aussehen. Es gibt so viele tolle Möglichkeiten, und trotzdem sehe ich fast nur schräges Pony, Seitenscheitel, etwas stufig und lang. Traut euch was!

3. Seelenstyling und -hygiene. Das klingt wieder so floskelmäßig, aber Schönheit ist nun mal keine reine Aussehenssache, sondern hat so viel mit den zu tun, was von innen kommt. Und wenn eine Frau von innen heraus schön ist, verkrafte ich auch schwarzen Lippenstift, einen gelb-lila Pulli und einen Gang wie bei Hochsee. ;-)

Keine Angst, ich werde das hier NICHT (niemals! bloß nicht!) zu so einem Mode-Lifestyle-Irgendwas-Blog machen. Das war nur so ein kleiner Exkurs. Meine Meinung zum Thema Mode generell lasse ich bei meinem Vorausblick auf das Modejahr 2014 durchscheinen. (Achtung! Leichte Anflüge von Sarkasmus und Ironie sind zu berücksichtigen!)