Pärchenforschung Singapur

Im botanischen Garten in Singapur sitze ich und grinse, weil ich feststelle, dass dieser Ort alle Arten von Pärchen anzuziehen scheint. Voll romantisch und so. Sie schlendern, spazieren und sitzen herum, quatschen und kichern und schweigen, schauen sich an und streichen sich die Haare hinter die Ohren.

Einmal muss ich seufzen, weil ich auch ein Gegenüber haben will, und der Kandidat meiner Wahl ne viertel Welt weiter rumstudentisiert statt mit mir hier einen auf Pärchen zu machen. Aber dann ist das auch irgendwie wieder okay und richtig so und ich beginne, die anderen zu beobachten.

Zwei Chinesen. Sie sehen jung aus, aber bei Chinesen heißt das nichts. Sein breites, weltvergessenes Grinsen verrät einiges über seine Innenwelt. Sie schlendern den Weg hinunter. Irgendwie scheint er auf die Weise, wie er sich um sie bemüht, sie beansprucht, sie schützt, als wäre er um sie herum, als würde er sie umgeben. Sie blüht auf wie eine Blume, ist die schöne Königin, strahlt aus sich heraus und ihn an, so umgeben von ihm. So jung, so frisch wirken die beiden zusammen, sehen nichts als nur sich gegenseitig. Ich hoffe, dass sie eine Grundlage legen lernen und nicht wie viel zu viele vor ihnen fallen, sobald die Hormone zum Tragen nicht mehr ausreichen.

Ich muss langsam aufbrechen und steige in die U-Bahn. Ein Westler-Paar fällt mir auf. Sie steigen eine Station nach mir ein. Sind vielleicht Mitte zwanzig, wahrscheinlich Backpacker. Und gestresst. Ein Sitzplatz ist noch frei, und so hektisch wie ängstlich dirigiert er sie dorthin. Er redet eindringlich irgendwas davon, dass sie jetzt unbedingt sitzen soll, weil sie das jetzt bräuchte, und obwohl es eigentlich etwas fürsorgliches ist, scheint er sie wegzudrücken, so wie er die ganze Welt wegdrückt und sich fast schon panisch hindurch schlägt. Sieht er sie überhaupt? Sie schaut ihn an, seine Augen wandern die Bahn runter und über die Schilder, sie schaut wieder weg, erschöpft und ein bisschen grimmig auf den Boden, allein. Da will ich nie sein, denke ich mir.

Nach dem Umsteigen, auf dem Weg zum Hostel, beobachte ich zwei Inder, vielleicht 30, vielleicht 40. Er hält sich an einem der Deckengiffe fest, sie sich ganz selbstverständlich an seinem Arm. Er erzählt etwas auf Tamil, macht eine Kunstpause, sieht sie schelmisch grinsend an und spricht weiter. Sie lacht auf, schlägt ihm gespielt fest auf die Schulter und verbirgt ihr breites Grinsen an seinem Arm. Ich schließe die beiden in mein Herz. Er raunt ihr weiter etwas zu. Sie schlägt ihn nochmal. Er lacht in sich hinein, legt seine Hand auf ihren Rücken und führt seine kopfschüttelnd grinsende Frau behutsam aus der U-Bahn. Da will ich sein, denke ich. Das find ich gut.

Pärchen, denke ich. Pärchen in Singapur. Und ich gehe zum Hostel alleine, alleine mit dieser großen, verrückten Stadt und all ihren Menschen, im Kopf bei all diesen Zweisamkeiten, beim Beobachten und Wundern, beim Hoffen und Vorfreuen, alleine fürs Jetzt.

Du machst mich zur Schauspielerin

(Ein Text aus Juni 2015)

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Bist du da, weiß ich nicht mehr, wer ich eigentlich bin. Wie man sich eigentlich normal verhält. Was man so redet, wenn man sich unterhält, und was man besser nicht sagt. Ich weiß nicht mehr, wohin mit meinen Händen und mit meinen Gedanken und mit meinem Blick. Es ist ganz, ganz komisch.

Ich weiß nicht, ob ich will, dass du merkst, was du mit mir machst. Also schauspielere ich „normal“. Alles ist normal mit mir und alles ist ganz normal zwischen uns. Natürlich ist es das. Was soll auch sein? Du bist ein ganz. normaler. Junge. So wie ich noch viele kennenlernen werde. Und ich kann mich ganz normal verhalten, wenn du da bist. Siehst du, wie normal das alles ist? Ganz unverdächtig.

Aber eigentlich gefällst du mir schon sehr. Ich will, das du mich toll findest. Also schauspielere ich „find-mich-toll“. Was ich glaube, das du magst, versuche ich zu sein. Was ich gut kann und für eine Stärke von mir halte, das sollst du sehen. Sieh her, was für ein tolles Mädchen ich bin, du solltest definitiv mal ein Auge auf mich werfen, was? Und siehe da, zufälligerweise habe ich gerade heute mein Lieblingsshirt an, wo ich wusste, dass wir uns sehen. Sieht das gut aus? Gefalle ich dir eigentlich? Oh, und ganz aus Versehen habe ich dich wohl gerade berührt. Und sitze neben dir. Und lache über deine Witze. Und fange deinen Blick auf.

Eigentlich will ich ja gar nicht schauspielern. Eigentlich wäre ich ganz gern einfach ich. Aber ich vergesse schlichtweg, wie das geht, wenn ich merke: Du bist im Raum. Wie ging das nochmal, das Sina-sein? Die Möglichkeit, dass du mich gerade sehen, beobachten, dir Gedanken über mich machen könntest, vernebelt mein ganzes Gehirn. Und ich hasse das.

Aber irgendwie, zum allerersten Mal in meinem Leben, macht es mich auch gleichzeitig glücklich.

Ich bin eine einsame Schauspielerin. Du bist mein ganzes Publikum. Ich spiele und spiele und hoffe, dass du mich für die Person liebst oder zu lieben beginnst, die ich hinter meinem Schauspiel bin. Es ist zum verzweifeln, dass du das vielleicht nicht tust, nie wirst, und ich das nicht beeinflussen kann. Keine Ahnung, was du denkst. Trotzdem bin ich glücklich. Trotzdem grinse ich immer wieder abgelenkt in mich hinein. Trotzdem mag ich dich wirklich sehr gern.

Deine Anwesenheit, mein Freund, macht mich zur Schauspielerin. Ich kann nichts dagegen tun.

Nö, ich bin nicht tolerant

Wisst ihr, Toleranz find ich eigentlich blöd. Und bevor jetzt alle „Nazi!“ schreien, hört mir wenigstens kurz mal zu.

Ich liebe Menschen. Menschen sind ne klasse Erfindung, und ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder einzelne Mensch eine klasse Erfindung ist. Klar, einige haben Charaktereigenschaften und Prägungen, die mit meinen nicht besonders gut kompatibel sind, aber das ändert ja nichts an ihrem oder meinem Wert. Nur, weil ich mit jemandem nicht klar komme, ist ja noch nicht der andere das Problem. Und ja, es gibt auch Menschen, in deren Geschichte etwas so gründlich falsch gelaufen ist, dass sie jetzt in schwerwiegender Kriminalität oder in okkulten Sekten gelandet sind. Doch auch das ändert nichts daran, dass der Mensch wertvoll ist. Ich bin sogar so verrückt zu glauben, dass jeder Mensch innerlich heil und neu werden kann, egal was war. (Das liegt an dem Gott, an den ich glaube. Mit Jesus geht sowas nämlich.)

Ich liebe Menschen, und das ist eine Grundlage, die unabhängig von Eigenschaften wie Hautfarbe, Religion oder Ansichten ist. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Das ist mein Ideal. Um ehrlich zu sein, müsste ich sagen: Es ist mein Ziel, alle Menschen unabhängig von irgendwelchen Merkmalen zu lieben. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass sie wertvoll sind, selbst wenn ich sie nicht immer lieben kann.

Was ich nicht liebe, ist jede beliebige Religion oder Ansicht oder Orientierung oder was auch immer. Es gibt Sachen, da bin ich gegen. Ich habe ein Wertesystem, und kein Wert darin lautet „Hinnehmen von schlechten Trends“. Und das ist genau das, was Toleranz so oft ist. Ich glaube zum Beispiel, dass es keine guten Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben wird, wenn „Familie“ weiterhin immer loser definiert wird und Kindern die stabilen Verhältnisse (bestehend aus einem Vater und einer Mutter) genommen werden. Da bin ich überhaupt nicht tolerant. Oder viel kleiner: Wenn eine Freundin beginnt, langsam in die linke Antifa-Szene abzurutschen, dann sage ich völlig intolerant: „Tu das nicht. Das ist nicht gut. Ich will nicht, dass du Schaden nimmst, also bitte bleib da draußen.“

Jap, ich bin intolerant. Ich sage: Find ich blöd. Aber meine Feinde sind nicht Menschen. Meine Feinde sind abstrakter, sind Meinungen und Ideologien, sind Denkweisen und Systeme, Umgangsweisen aus Rache- und Wutgefühlen und Vergangheitstraumata. Meine Feinde sind böse Einflüsse und negative Trends. Ich kämpfe mit meinen Worten, meinen Gebeten, meiner Haltung, meiner Liebe, dem Guten in mir. Ich kämpfe für Menschen und ich kämpfe für das Licht. Und in diesem Zuge bin ich so intolerant, das gibts überhaupt nicht.

Und wisst ihr was? Ich schreibs mir auf die Fahne. Ich schreib mir auf die Fahne, intolerant und voller Liebe zu sein. Das will ich.

Eine entdramatisierte Liebeserklärung

Eine Antwort auf die melodramatischen Liebesfilme und Liebeslieder und Liebesromane und Liebessonstwasse der Popkultur.

Weißt du, ich glaube, ich brauche dich nicht. Nicht in dem Sinne, dass ich abhängig von dir bin. Wenn du dich jetzt auf der Stelle umdrehen und gehen und mich nie wieder sehen wollen würdest, wäre ich wahrscheinlich ziemlich traurig, enttäuscht, vielleicht auch wütend. Ich müsste vermutlich ein paar Tage (oder auch Wochen) damit zubringen, meinen Selbstwert wieder aus dem Keller zu zerren, aber auch das würde ich überleben. Ja, ich glaube, ich könnte danach sogar ein ganz wunderbares Leben haben. Ich würde andere Männer kennen lernen und vielleicht einen fürs Leben, der nicht du bist.

Und nein, du bist nicht der eine fehlende Teil von mir auf dieser Welt, der mich erst zu einem ganzen Menschen macht. You don’t complete me. Auch als Single zähle ich schon voll, bin ich schon ganz. Ich verspreche mir von dir kein ewiges Glück. Wie unmenschlich, diese Erwartungshaltung an jemanden anzusetzen. Du wirst nicht alles ausfüllen, was in mir manchmal einsam und leer ist, auch wenn sich das vielleicht ein paar verliebte Monate lang so anfühlt. Genauso wenig werde ich es schaffen, dein Leben dauerhaft bunt und leicht zu machen. Das kann ich nicht. Ich bin ja einfach nur ich.

Es ist etwas ganz anderes, von dem ich reden möchte. Nicht das brauchen, verzehren, vervollständigen.

Ich rede davon, dass ich dich liebe.

Ich liebe das Spiel deiner Mimik. Ehrlich, darin kann ich mich verlieren. Vor allem dein Lachen mag ich. Du lachst so gerne, und ich liebe das. Auch, worüber du alles lachen kannst. Das ist wie eine neue Welt, die ich so vorher noch nicht kannte. Und ich lasse sie mir gerne von dir zeigen. Komisch, so etwas über einen Mann zu sagen, aber du bist so … schön. Man, sehen manche Männer verboten gut aus, und du ganz besonders. Wie soll man sich denn da normal benehmen?

Ap­ro­pos normal: Normal bist du sicher nicht. Du faszinierst mich. Du faszinierst mich, weil du so anders bist als ich und doch wieder so ähnlich. Mit dir zu reden, bei dir zu sein, das ist einfach alles andere als langweilig. Ich könnte dir Stunden zuhören, Stunden und Tage, und wenn ich ehrlich bin, würde ich das auch gerne mal machen. So dauerhaft, meine ich. Jeden Tag. Ich wünsche mir, Tag für Tag die Frau an deiner Seite zu sein. Die eine, die du wunderschön und bezaubernd und die deine nennst. Die eine, mit der du auf Abenteuerreisen gehst. Die treu zu dir steht. Mit dir kann ich so viel Spaß haben, und ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn das an Regelmäßigkeit zunimmt.

Auch so Berührungen. Immer nur Zufall und Hallo-Tschüss-Umarmungen – ich finde, das hat Ausbaupotential. Viel Ausbaupotential. Es reicht schon, dass man in Bildergalerien die Schönheit nicht berühren darf, da will ich das doch wenigstens bei dir dürfen. „Wenigstens“ ist gut. Das wäre etwas unfassbar Großes für mich.

Du darfst mich übrigens auch häufiger mal ansehen. So ganz direkt. Ich mag das echt gern, wenn dein Blick auf mir ruht. Ich liebe das, wer ich in deinen Augen bin. Genau die will ich sein. Weißt du, dein Leben und mein Leben, das könnte ruhig ein kleines bisschen mehr unser Leben werden. Ein kleines bisschen viel mehr. Du bist so wundervoll. Mehr von dir bei mir, das wäre ein Traum. Und andersrum wäre es ein Grund für eine unvergleichliche Party in meinem Herzen, wenn du dir auch mehr von mir bei dir wünschst.

Weißt du, das ist das, wovon ich rede. Von dir. Ich liebe dich.

Sofern diesbezüglich eine Grundlage der Gegenseitigkeit vorliegt – wäre es für dich denkbar, da einige weiterführende Vereinbarungen zu engerem Zusammenleben zu treffen? Ja?

Man, ich liebe dich, ich liebe dich, Junge. Nein, ich brauche dich nicht. Nein, du wärst nicht meine Erfüllung oder mein ewiges Glück. Doch, ich würde schon über dich hinweg kommen. Und trotzdem. Trotzdem wäre das einfach schön, so mit dir. Ich will das.

Du auch?

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Disclaimer an meine Freunde aus echt: Diesen Text veröffentliche ich ohne konkreten Adressaten. Fühl dich also bloß nicht aus Versehen angesprochen. Nur, dass das hier keine merkwürdigen Situationen ergibt. Will doch keiner.

Eine Begleiterscheinung

Mit dem älter werden kam eine wundervolle, anstrengende und denkwürdige Begleiterscheinung: Jungs. Männer. Ihr wisst schon, diese Menschen mit Haaren am Kinn und Flausen im Kopf, die lieber über Themen als über Menschen reden und von uns Mädels keine Hilfe annehmen können. (Wobei das natürlich mehr eine pauschalisierte und unzureichende Indiziensammlung als eine auch nur ansatzweise akzeptable Definition von Männern ist.)

Ja, irgendwie gab es die ja auch schon vorher, aber da waren die noch anders: Blöd. Oder so alt, dass sie mehr als Onkel durchgingen. Ich meine, ja, blöd sind die immer noch irgendwie, aber damals waren sie nur blöd. Und heute sind sie so viel mehr. Heute machen sie so viel mehr mit mir.

Heute habe ich Schwierigkeiten, auf meine Gedanken, meine Fantasie und mein Herz aufpassen, wenn da mal jemand ein bisschen zu wundervoll für meine aktuelle Verfassung ist. Heute gibt es diese Momente in Gegenwart gewisser männlicher Gestalten, in denen ich krampfhaft auf mein eigenes Verhalten achte, nichts dagegen tun kann und mich dabei ziemlich dämlich fühle. Heute brauche ich gelegentlich mal eine beste Freundin oder ein vertrauliches Notizbuch, um mein ganzes Gedankenchaos in Bezug auf diese sonderbare Sorte Mensch loszuwerden.

Heute muss überlegen, was ich dann mit all dem mache. Ich muss herausfinden, wie nah zu nah ist – emotional. Körperlich. Ich muss mich damit auseinandersetzen, wie das ist, wenn jemand mich auf eine Weise anziehend findet, die ich nicht erwidern kann – oder andersrum. Ich muss einüben, meine Grenzen einzuhalten – die Grenzen, die ich mir gesetzt habe, um mir Zeit zu geben, mich zu schützen, und manchmal auch einfach nur, um mich hinter ihnen zu verstecken, die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als würde ich für die Männerwelt nicht existieren.

Heute darf ich es genießen, schön genannt zu werden, und es einfach mal zu glauben. Ich darf Spaß daran haben, Jungs zu Wortgefechten herauszufordern. Und immer mal wieder vertraut mir einer und lädt mich ein in seine echte, ungeschönte Welt, gibt mir Zugang und erlaubt sich, vor mir verletzlich zu werden, und das sind mir die kostbarsten Momente.

Und ja, ich weiß, dass ich noch keine Ahnung habe. Ja, mir wurde schon gesagt, dass ich da ein bisschen naiv bin. Aber das ist okay! Ich weiß genug für jetzt und da sind Leute an meiner Seite, die auf mich aufpassen.

Also werde ich weiter älter, erwachsen, und lerne umzugehen mit dieser Begleiterscheinung, versuche sie zu verstehen und lerne allmählich dazu.

Wie du da saßt

(Wenn ich jetzt sage, dass ich das in meiner Deutsch-Vorabiklausur auf ein Löschblatt gekritzelt habe, kommt das dann komisch? – Egal. Die eineinhalb Minuten wars mir wert.)

Wie du da saßt
und geredet hast
von irgendwas

Und ja, spannend war das auch
und ich mag deine Themen
meistens

Aber eigentlich
wollte ich nur wissen
es hören

wie sehr du mich magst.

Eine Frau mit einem Geheimnis

Ich bin Sina, und ich bin eine Frau mit einem Geheimnis. Ein Geheimnis, das ich gut bewahre und nicht leichtfertig preis gebe. Es ist ein gutes Geheimnis, ein kostbares Geheimnis, so wie eine seltene, teure Perle. Ich weiß um diesen geheimen Schatz in mir, und ich hüte ihn wachsam. Er ist zu finden in einem sich ganz nahe kommen, fast schon eins werden von einem Mann und mir, so allgemein korrekt bezeichnet wahrscheinlich als Sexualität.

Jede Frau hatte mal dieses Geheimnis, dieses ganz nahe, intime Geheimnis, das noch ungeteilt und unangetastet war. Doch irgendwann gerät es in Gefahr. Internetfilme führen es vor, führen es auf. Gebrochene Vorbilder haben ihren Schatz von dem geheimen Ort weg in die Öffentlichkeit gebracht, wo er nun begafft, betastet und mehr und mehr entwürdigt ist. Perlen vor die Säue. Kleine Mädchen spüren Druck – ich muss. Alle machen. Soll so toll sein. Sonst fehlt mir Wert – nichts verpassen, dazu gehören, auch wer sein. Wissen gar nicht, wie kostbar dieser Schatz ist, sehen in ihm mehr einfach eine Funktion ihres Körpers. Und so beginnen sie, ihr Geheimnis zu teilen, mit einem Jungen, dann einem weiteren, bis mit Alkohol und Dessous eine Spielwiese aus ihr geworden ist, eine Spielwiese auf den Trümmern ihrer Würde, ihrer Selbstwertschätzung.

Es ist ein Kampf da, ein Kampf um das Geheimnis jeder Frau, ein Kampf, der geführt wird mit Erwartung, Druck, falschen Versprechungen, Pervertierung, Gewalt, Einschüchterung, Manipulation – dem Missbrauch des Bedürfnisses, geliebt zu werden, fehlgeleitet, ausgenutzt und vorgeführt. Ein Kampf, der uns erreicht durch Schulklassen, Freundeskreise, Filme, Werbung, Bücher, alles.

Ich bin Sina, eine Frau mit einem Geheimnis, und es ist meine Würde, es zu bewahren. Es ist meine Würde, es zu schützen und nicht antasten zu lassen, es aufzubewahren, und es wird meine Würde und meine Freude sein, zu seiner Zeit einen Mann an diesen Ort einzuladen und dieses Geheimnis mit ihm zu teilen, zu entdecken und zu feiern, in dem ganz geschützten und intimen Rahmen, wo es gut aufgehoben ist.

Es ist meine Würde, zu bewahren und es irgendwann zu verschenken. Damit schmücke ich mich, und nicht mit der Anzahl meiner Partner oder den vergangenen Erlebnissen oder dem Interesse, das ich auslösen kann.

Ich bin Sina, und ich bin eine Frau mit einem Geheimnis.