Die Normalität des Leidens oder German Hugs braucht diese Welt

An meiner Wand hängen Fotos, und auf einem davon ist der wärmste German Hug zu sehen, den ich mir momentan vorstellen kann. German Hugs sind warme, tiefe Kuschelumarmungen, in die man hineinversinken und in denen man sich wohlfühlen kann, und ganz besonders gut kann das meine Freundin Luci, und von ihr und mir in das Foto.

Ich vermisse Umarmungen. In Malaysia umarmt man sich nicht so wirklich. Nur so ganz vorsichtig, ohne sich wirklich zu berühren.

In mir drin ist es momentan oft kalt. Das nennt man Wüstenzeit. Oder einfach ‚hart‘. Vielleicht nennt man es auch Übergangsphase, Kulturstress, erwachsen werden. Isolation. Herausforderung. Was auch immer.

Meine Freunde wissen das, und weil sie mich um eine viertel Erde herum schlecht umarmen können, schreiben sie mir. Und bei dem, was sie so schreiben, lerne ich einiges darüber, wie Menschen eigentlich harte Zeiten und Leiden sehen.

Zuallererst – ja, man darf mir, auch wenn es mir gerade schlecht gehen mag, von dem erzählen, was gut läuft. Dafür braucht man sich nicht schämen, schuldig fühlen oder irgendwas. Es tut mir gut, zu hören, wenn es den Leuten gut geht, die mir am Herzen liegen.

Auch sonst brauche ich, wenn es mir schlecht geht, eigentlich keine Sonderbehandlung. Die meisten Menschen verstehen intuitiv – zuhören, ermutigen, das ist gut. Aber das darüber hinaus auch gut ist, einfach weiterzumachen, mich mit reinzunehmen und dabei sein zu lassen, das scheint gar nicht so klar zu sein. Die Normalität des Leidens ist verloren gegangen. Es wird entweder verdrängt oder dramatisiert. Dabei ist es das gar nicht wert. Es ist einfach nur. Deswegen kann man sich damit mal beschäftigen, und dann aber auch mit etwas anderem weiter machen.

Ich merke, dass ich nicht die einzige bin, die das Leiden aushalten muss. Meine Freunde müssen es auch aushalten – vor allem, dass sie mich nicht retten können. Manche wissen das gar nicht, dass durch ihre Ermutigung nicht gleich alles einfach wird. Sie erwarten von sich, mir eine Lösung anbieten zu können. Ich erwarte das nicht von ihnen. So simpel ist das alles nicht.

Immer wieder schreiben mir Menschen, wie leid es ihnen tut, dass mein Jahr, das doch so gut werden sollte, jetzt hart ist.

‚Gut‘ und ‚hart‘ schließt sich nicht aus. Gut, wenn mein einziges Bestreben mein Wohlfühlen wäre, dann vielleicht schon. Aber wenn ich Charakter,  Beziehungen, Weisheit mit reinnehme, dann können harte Zeiten mir dienen. Schaffe ich es, durch die Gezeiten zu gehen, ohne bitter zu werden, dann können sie mich liebender, verständiger und geduldiger machen. Und wenn ich alte Frauen ansehe, deren Herz und Geist wach geblieben ist, und höre, welche Zeiten sie zu so einer Ehefrau, Mutter, Freundin, Leiterin gemacht haben, dann weiß ich, dass ‚gut‘ manchmal mitten im ‚hart‘ liegt.

Vielleicht klinge ich jetzt weise. Vielleicht klinge ich, als könnte ich gut mit meinem Leid umgehen. Das stimmt nicht. In der Regel hasse ich es und immer wieder will ich aufgeben. Wie selten nur gelingt es mir, es als normalen Teil vom Jetzt anzunehmen, in dem ein „gut“ verborgen ist. Wie selten gelingt es mir, zu leben, was ich im Kopf langsam zu begreifen beginne.

Jetzt gerade zum Beispiel, wo ich das alles durchdacht und aufgeschrieben habe, fühle ich mich einfach nur nach verkriechen und heulen und nach einer ganz tiefen Luci-Umarmung. Meine Seele versteht vieles nicht. Die versteht den Wert hinter etwas nicht, das unangenehm ist. So weit kann meine Seele nicht denken. Meine Seele weiß nur: Aua. Es tut weh und ich mag es nicht.

Aber German Hugs, die versteht meine Seele. Umarmungen braucht diese Welt, besonders dieses Land, und jetzt gerade ganz besonders ich.

Kontraste

So viel in Kontrasten habe ich wohl noch nie gelebt.

Auf der einen Seite: So viel einfach nur aushalten, aussitzen, abwarten. Zu Hause, in der Schule. Anstrengung, Schmerz, Stress, verletzende Leute ertragen, halt irgendwie. Situationen, aus denen ich nicht raus kann. Versuchen, nicht bitter zu werden und nicht darunter kaputt zu gehen. Alles gar nicht so leicht. Weiter warten, weiter hoffen, weiter aushalten. Irgendwann wird es Veränderung geben müssen.

Auf der anderen Seite: Wie ein Feuerwerk sein. Menschen, die mich Rollen einnehmen lassen, mit denen ich was anfangen kann, wo ich was geben kann, wo ich einen Unterschied machen kann. Mich investieren, einsetzen, sprühen vor Ideen. Fast mühelos weiterlaufen. Das Gefühl, dass es irgendwie gut und richtig ist, was ich tue.

Auf der einen Seite: Menschen, die mich klein halten, ständig zurecht weisen, an mir herum meckern, mir wenig Wertschätzung oder Verständnis entgegenbringen. Die mir vermitteln, was ich alles falsch mache, wie schlecht ich bin und was mit mir nicht stimmt. Die mich zu einem kleinen, dummen, nervigen Kind machen wollen. Denen ich irgendwie aus dem Weg gehen will, aber viel zu wenig kann.

Auf der anderen Seite: Menschen, die mich wahrnehmen. Die mich schätzen, ermutigen, stärken. Die hinter mir stehen, mir in Liebe Stärken und Schwächen spiegeln. Die an mich glauben. Wo ich sein darf, wie ich bin, ohne befürchten zu müssen, dass negativ auf mich reagiert wird. Menschen, mit denen ich Gemeinschaft haben will. Wo ich mich ein wenig zu Hause fühle.

Auf der einen Seite: Zweifel an mir, Verwirrung über mich selbst, Unruhe in Bezug auf alles, was ich schwer aushalten kann, egal ob Menschen oder Umstände. Zu wenig Kontrolle über mich, ein zu unklarer Blick auf mich und mein Leben. Stellenweise Unfähigkeit, die Frau zu sein, die ich sein will, und meine Zeit und mein Leben so zu gestalten, wie ich will. Schwächen, die ich nicht benennen kann und mit denen ich nicht umzugehen weiß. Unsicherheit.

Auf der anderen Seite, und ich hoffe, dass das der Kern ist: Ruhe, Nähe zu Gott, Kraft, Mühelosigkeit. Die Stärke, zu ertragen und weiterzulaufen. Leichtigkeit und Friede im Herzen. Freiheit in meinen Gedanken. Zunehmende Kontrolle über mein Handeln. Selbstannahme. Liebe für Menschen. Unberührtheit, Reinheit. Das Auge im Sturm, die Ruhe in all den Kontrasten, der alles umfassende Friede. Manchmal. Immer häufiger. Mein Wunsch.

Egal, was für Kontraste mich umgeben, womit ich alles umgehen muss: Ich will diesen Kern bewahren. Da Klarheit ohne Spaltung, Einheit ohne Kompromisse finden. Gott in mir, ich in Gott, unabhängig von allem, befreit von schwarz und weiß.

Sein sein.