Paralleluniversen: Heute ohne mich.

Tausend Pläne entstehen in meinem Kopf.
Tausend Mal: „Was wäre wenn?“
Tausend Mal: „Vielleicht…“
Tausend Mal: „Aber…“
Tausend kleine Paralleluniversen, die es nur in mir drin gibt.

Tausend kleine Paralleluniversen, und in jedem wohne ich schon ein bisschen, fühle mich schon ein bisschen zu Hause. So, als wäre es bereits hier. Ich betrete sie, komme und gehe, so wie durch einen Kleiderschrank in magische Welten. Ich trampe durch die Paralleluniversen beim Spazierengehen, beim Fahrradfahren, in Vorlesungen, wenn ich nicht einschlafen kann, beim Zähneputzen, Zugfahren, Essen – eigentlich immer.

Manchmal ist das ganz schön anstrengend.

Manchmal wäre es viel schöner, einfach nur hier und jetzt zu sein. Einfach nur das sehen, was vor meinen Augen ist, und das zu tun, was jetzt gerade wichtig ist. Nur die Menschen, die gerade um mich herum sind.

Manchmal klappt das – nur hier und jetzt sein. Besonders gut klappt das, wenn es mir gut geht und wenn gerade die großen Dinge in meinem Leben sicher stehen. Aber dann wird die Wohnung gekündigt. Wohnung gekündigt, das heißt umziehen. Umziehen, das heißt, suchen und aussuchen. Das heißt, entscheiden müssen. Das heißt, irgendetwas verlieren und irgendetwas gewinnen, hoffentlich mehr gewinnen als verlieren.

Das heißt vor allem aber:
Unsicherheit.
Nirgends wachsen mehr Paralleluniversen als auf diesem Boden.

Mein Kopf ist von innen ziemlich groß. In meinem Kopf verbringe ich sehr viel Zeit. Nur Denken – oft ist mir das Beschäftigung genug. Aber jetzt gerade brauche ich mal Urlaub von meinem Kopf. Urlaub von all den Paralleluniversen, durch die mein Kopf unaufhörlich hindurch zappt, vor, zurück, wieder ein Neues.

Tausend Paralleluniversen, und ich höre nicht zu. Ich schaue nicht hin. Jetzt gerade mal nicht. Ich erzähle mir selbst, was ich sehe: „Guck mal, Sina, draußen regnet es. Eigentlich könntest du dein Zimmer mal wieder aufräumen. Da steht die Sonnencreme, die du endlich mal gekauft hast. Auf dem Piano steht das Lied, das du gerade lernst. Schau mal, auf der Kommode: Das Kreuz, das Glas, die Kerze, das Bild, das du in Malaysia gemalt hast. Und die Musikboxen. Dein Schmuckkästchen. Ach, da liegt ja auch das Portemonnaie. Der Teppich auf dem Boden. Oh, schau. Die Sonne bricht durch die Wolken.“

Das hier ist das einzige Universum, in dem ich wirklich bin. In dem ich sein muss. Hier bleib ich. Es geht mir gut.

Momente-Ketten-Leben

(Ein Text vom 05. Juni 2014)

Mein Leben vergeht langsam. Und intensiv.

Was vor einer Woche war, erscheint schon so lange her – zu viel war dazwischen schon. Was in einer Woche kommt, ist noch echt lange hin – zu viel kommt davor noch. So viele Eindrücke, so viel Leben, so viel intensives Wahrnehmen, verarbeiten, lernen. Ich lebe im Jetzt, so krass wie noch nie. In Gedanken schon am morgigen Tag? Kaum. Einzig was der Vorbereitung bedarf, kommt zu schnell. Wann soll ich denn vorbereiten? „Jetzt“ nicht, doch einen anderen Zeitpunkt als „jetzt“ wird es nie geben. Es widerspricht meinem aktuellen Denken von jetzt hier, was ist – sein, leben, wahrnehmen. Ich lasse mich so sehr auf Menschen ein, auf Situationen ein, auf Gefühle, und alles vergeht so langsam. So viele Worte, die Menschen sagen, Dinge, die Menschen meinen, Töne, Musik, Ideen, Texte, Gefühle, von mir und anderen, ein endloses Momente-Ketten-Leben und ich könnte schwimmen, schwimmen und mich treiben lassen…

Wären da nicht diese Dinge, die diesen Fluss unterbrechen, mich zu Arbeit verpflichten und mich unter Druck setzen wollen, und ich schwänze gerade Schlaf, weil ich heute noch zu wenig gelebt habe.

Es ist fast ein halbes Jahr rum seit Jahresanfang, aber es könnten auch drei Jahre sein, so anders fühle ich mich nun, so anders fühlt sich mein Leben an, so ein anderer Mensch bin ich. Jeden Tag ein bisschen neu. Eine endlose Mischung aus immer wieder erneut wie zum ersten Mal erleben, aufsaugen, und vertraut und überdrüssig werden.

Ich lebe nicht mehr zwischen dein Seiten im Kalender, den Zahlen auf der Uhr. Ich lebe in dem, was man so „Jetzt“ nennt, der einzige Zeitpunkt echter Wirklichkeit, je tiefer man eintaucht, desto faszinierender, reißender, einnehmender. Ich weiß das Datum nicht mehr und frage nicht nach der Uhrzeit, weil so etwas an Wert verliert. Einen anderen Zeitpunkt als jetzt wird es nie geben.

Ich frage nach Gott und nach mir und dir, ich sauge mit jeder Körperzelle Leben auf, fühle im Bauch und denke im Kopf, bin gar nicht da, so im Nachhinein, und doch im Jetzt mit jeder Regung meines Seins. Langsam. Intensiv.