… doch ich hör dich nicht.

Die Kassiererin im Drogeriemarkt schiebt routiniert die Artikel der Kunden über den Scanner, das macht 12,43€, danke, 2,57€ zurück, Bon? – okay, tschüss. Sieht jeden Tag so viele Leute. Sie hat wohl versucht, ihre Falten mit Kosmetika zu überdecken, doch ich fürchte, es hatte nicht die erwünschte Wirkung. Ein resignierter und irgendwie toter Blick auf die verbleibende Schlange. Ich will ihr einen schönen Tag wünschen, denke ich. Einfach so. Ich komme dran, das macht 6,89€, danke, 3,11€ zurück, Bon? – okay. „Einen schönen Tag noch!“ Sie schaut nicht hoch, ihre Antwort wie vom Tonband: „Ihnen auch.“ – nächster Kunde. Hat sie mich überhaupt gehört?, frage ich mich. Oder wird das so sehr als Höflichkeitsfloskel wahrgenommen, dass es gar nicht bei ihr angekommen ist?

Um die Ecke, durch die Tür, Lehrer noch nicht da. Meine Sitznachbarin ist schon da, packt ihren Kram aus. „Hallo“, sage ich. „Hallo“, antwortet sie. Ich lasse mich auf meinen Stuhl fallen, Rucksack untern Tisch, Jacke aus. Ich sehe das Mädchen an. Sehe nur ihr Gesicht. „Wie gehts dir?“ „Gut“, antwortet sie viel zu schnell. Wie ein Reflex. „Was ist 1+1?“ – „2.“ „Wie heißt du?“ – „Sina.“ „Wie geht es dir?“ – „Gut.“ Der wie-geht-es-dir-Reflex. Eine Frage, über die oft nicht mehr nachgedacht wird, obwohl man eigentlich müsste, wenn man ehrlich wäre. Und wenn die Frage immer ehrlich wäre. Meine Sitznachbarin wurde wahrscheinlich schon millionenmal gefragt, wie es ihr geht, ohne dass sich der Fragende wirklich dafür interessiert hätte. Und weil das so ist, kommt meine Frage nicht mehr durch. Sie kommt nicht mehr im Gehirn an, wo man dann darüber nachdenken würde, wie man sich gerade fühlt und wie es so läuft. Nein, der Reflex kommt aus dem Rückenmark, ganz ohne Umschweife: „Gut.“ Eine häufig falsch verwendete Frage, die eine Inflation ihrer Bedeutung verursacht hat. Und meine Worte kommen gar nicht mehr bei ihr an, meine Frage bleibt unbeantwortet.

Diese Gedanken öffnen meine Ohren, und auf einmal höre ich so viele Floskeln, die völlig bedeutungslos geworden sind im bunt-grauen Alltagsgeplapper der Menschen. Sätze, die nicht ernst genommen werden. Werden können. Menschen, die nicht mehr hören, was ich sage. Weil alle das sagen. Weil es alle sagen und es kaum einer meint. Aber ich meine es. Und vielleicht können wir lernen, uns wieder zu hören. Ich dich und du mich.

Nehmt euch ein Beispiel, Herren der Schöpfung!

Auf einer Freizeit. Ich sitze mit drei Jungs am Tisch und mein Tee ist alle.
„Ihr seid doch alle tolle Jungs, ne?“
Abwartendes Nicken.
„Wer holt mir Tee?“
„Klar, mach ich.“

Abends sitzen wir in einer kleinen Runde zusammen.
„Oh man, ich habe gestern mein ganzes Bargeld gespendet, weil mich das Thema so mitgenommen hat, und jetzt kann ich mir nicht mal mehr ne Cola kaufen. Naja, die Kinder haben es nötiger als ich.“
„Darf ich dir was ausgeben?“

Heute werde ich nach Hause gefahren.
„Warte, ich trage dir deinen Koffer hoch.“
„Echt?“
„Ja klar.“

Hach, wie ist es schön, ein Mädchen zu sein.