Verschandelte Worte

Ich finde, Deutsch ist eine tolle Sprache. Nur leider gibt es viel zu viele Menschen, die so einige Begriffe verändern und kaputt machen. Meine drei Sorgenkinder.

Süß. Was ist süß? Süß sind Gummibärchen und Katzenbabys. Da darf man das sagen. Wenn Leute allerdings anfangen, erwachsene Männer als „süß“ zu bezeichnen, dann frage ich mich doch, ob ihr Vokabular denn so begrenzt ist. Statt wirklich was auszusagen, wird jemand einfach als „süß“ etikettiert. Schon mal überlegt, dass dieses Wort verniedlicht und man sich dadurch schnell nicht wirklich ernst genommen fühlt? – Und selbst bei Babys und Tieren, wo man es gut sagen kann, geht mir dieses „Oh wie süüüß!“ total auf die Nerven. Sagt doch einfach mal „niedlich“. Oder „goldig“. Oder am allerallerbesten, mein Schweizer-Lieblingswort: „Herzig“. Herzig kann man auch sagen, wenn sich eine riesige Bärenmutter um ihr Junges kümmert. Süß passt dann nicht mehr. Herzig schon.

Freund. Wer sind alles deine Freunde? Man kennt so viele Menschen, und plötzlich wird man von jemandem als „ne Freundin“ bezeichnet, den man gar nicht wirklich kennt. Im Internet gibt es schon die Differenzierung zwischen Facebook-Freunden und echten Freunden, weil man merkt, dass dieses Wort „Freund“ an Bedeutung verliert. Leider klingt „Bekannte“ so distanziert. Die deutsche Sprache hat da ein Defizit. Zwischen jemandem, dessen Namen man weiß und mit dem man sich ganz gut versteht, und jemandem, der deine Seele sieht, gibt es keinen begrifflichen Unterschied. Alles Freunde. Alles dasselbe. Nein!

Lieben. Was liebst du? Ein Gericht? Einen Sport? Eine Farbe? Eine Band? Sicher, dass du sie liebst? Ich möchte nicht die Menschen, die ich liebe, mit Nudeln, Schreiben und der Farbe Grün auf eine Stufe stellen. Das sind Dinge, die ich mag, meinetwegen auch sehr mag. Aber das Wort „lieben“ reserviere ich mir da doch für anderes. Die Bedeutsamkeit des Wortes „lieben“ wird allein dadurch erhalten, dass man es nur zu wenigen Menschen sagt. Trotzdem. – Ich muss zugeben, manchmal sage ich auch, dass ich etwas „liebe“, was ich eigentlich nur mag. Aber man sollte es doch in Grenzen halten.

Außerdem finde ich, dass „knorke“ wieder ein gängiger Begriff werden soll. Oft fehlen mir die Worte für Sachen, die einfach schnafte sind. Das Wort ist schon so in Vergessenheit geraten, dass Opera mir das rot unterschlängelt. Dabei ist dieses Adjektiv einfach dufte! Richtig schnieke! Einfach nur gumbo! Stimmts? Lasst es uns reanimieren!

Also. Weniger „süß“ finden, bei „Freunden“ mehr differenzieren, nicht alles „lieben“ und mehr „herzig“ und „knorke“ sagen. Das ist doch nicht so schwer, oder?

„süß“ aussehen – okay, aber …

Kennt ihr diese übertrieben kitschigen, pseudo-tiefgründigen und mit Rechtschreibfehlern durchsetzten Texte oder Sprüche, die vor allem von träumerischen Mädchen im Vor-Teenie-Alter auf Facebook verlinkt, geteilt und gelikt werden? Letztens bin ich mal wieder auf so einen gestoßen. Es war eine Liste mit Anweisungen, wie eine Freund seine Freundin zu behandeln habe, und ein Punkt auf der Liste war, er solle ihr sagen, dass sie süß aussehe, wenn sie wütend sei.

Moment mal – WAS?!! Mein lieber zukünftiger Freund, wenn du das auch nur ein einziges Mal machst, bist du tot. Ich will doch nicht süß aussehen, wenn ich wütend bin! Wenn ich wütend bin, dann will ich einen Blick drauf haben, der allen das Gefühl gibt, winzig kleine, schutzlose Kellerasseln zu sein. Wenn ich wütend bin, dann will ich so eine unbändige Kraft haben, dass alle sich selbst und alles, was ihnen lieb ist, in Deckung bringen, weil klar erkennbar ist, zu was ich dann in der Lage bin. Wenn ich wütend bin, soll allen klar sein, dass ich die Welt verändern kann und mehr. Dann soll mich keiner, aber wirklich auch keiner, als „süß“ etikettieren, selbst wenn es mein Freund ist. Wer will denn süß aussehen beim wütend sein? Wer wünscht sich denn sowas? Hä?! Ich verstehs nicht.

Also, nur damit das klar ist: DU nennst mich NICHT süß, wenn ich wütend bin!