Tino

Der erste Junge, bei dem mir in meinem Leben die Idee gekommen ist, ihn zu küssen, hieß Tino. Wir saßen in der sechsten Klasse zusammen nebeneinander in der letzten Reihe. Wir wurden zusammengelost. Unsere Lehrerin loste immer. Und immer haben das alle gehasst. Und trotzdem entstanden meine besten Hasslieben genau aus diesem Losen.

Tino war unverschämt. Ich landete immer neben unverschämten Jungs. Ich glaube, weil meine Lehrerin in Wahrheit gar nicht wirklich loste, sondern sich genau überlegte, wie sie uns platzierte. Und weil sie wusste, ich kann es mit unverschämten Jungs aufnehmen.

Mit Tino konnte ich es wirklich aufnehmen. Ich hatte meinen Killer. Meinen Tintenkiller. Eigentlich habe ich mit ihm aber viel weniger Tinte als Tino gekillt. Ich hatte ihn immer griffbereit, und wurde Tino mir zu anstrengend, zu unangenehm, zu fies, dann rammte ich ihm den Stift in den Oberarm. Er hat dann gelacht. Vielleicht legte er es auch immer ein bisschen darauf an. Und er meinte, ich würde ganz schön hart zuhauen. Das tue richtig weh. Selber schuld, war meine Antwort.

Ein paar Momente gab es, da kamen wir wirklich aneinander. So richtig ernst, meine ich. Das war immer, wenn er mir zu stark wurde und ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Wenn ich es mit ihm nicht mehr aufnehmen konnte. Wenn er mich fertig machte und mir die Antworten fehlten, aber klein beigeben und ertragen auch nicht ging. Oft geschah das nicht, und ich glaube, eigentlich wollte Tino das auch nie. Ab und zu ist es eben trotzdem passiert. Das waren anstrengende Tage.

Die guten Tage waren die, wo wir schulstundenlang uns die besten Verletzungsgeschichten unserer realen oder zum Zwecke des Gespräches ausgedachten Bekannten erzählt haben, wo wir über Computerspiele und Fernsehshows sprachen, von denen ich in der Regel nicht zugeben wollte, dass ich sie nicht wirklich kannte, oder in denen wir uns Geschichten von früher und von unseren Familien erzählt haben. Er empfahl mir Filme, die ich niemals schaute, und ich fütterte ihn ein halbes Jahr lang in jedem unserer Klassenzimmer-Fächer mit richtigen Antworten und Hausaufgaben durch.

Und zwischendurch, zwischen all den ausgedachten Geschichten, den riskanten Gesprächen über Themen, von denen ich keine Ahnung hatte, zwischen dem gegenseitig Aufziehen und Killer herausholen, kam ich einmal und immer wieder auf die Idee, ihn zu küssen.

Ich war erst zehn und das alles mir eigentlich viel zu gruselig. Hätte ich gekonnt, hätte ich diese Gedanken einfach ausgemacht. Abgestellt. Wäre einfach Kind geblieben. Aber so einfach ist das nicht. Ich habe mich immer weggedreht und mich besonders energisch auf etwas anderes konzentriert – falls wir gerade kein Thema hatten, das interessant genug war, sogar auf den Unterricht.

Immer hatte ich Angst, dass es mir aus Versehen passieren könnte, dass ich ihn wirklich küsste. Einmal nicht nachgedacht, nicht aufgepasst – zack. Es ist niemals passiert. Zum Glück ist es niemals passiert.

Meine Geschichte mit Tino endete damit, dass er die Schule wechselte, weil er das Gymnasium einfach nicht packen wollte. Der Blödelkopf, den ich gezwungenermaßen liebgewonnen habe, war nach diesem halben Jahr Sitzpartnerschaft weg und begann, wie ich über Klassenkameraden erfuhr, ein paar Monate später damit, mit viel älteren Freunden herumzuhängen und zu rauchen und zu trinken.

Das schüttelte mich innerlich. Und innerlich schüttelte ich das alles ab – dass ich ihn eigentlich mochte und er so liebenswert gewesen war, wenn wir zusammen in der letzten Reihe gesessen hatten. Dass ich ihn immer küssen wollte. Und dass er jetzt weg war und für mich nur unverständlichen, dummen Unsinn anstellte. Ich schüttelte Tino einfach von mir ab.

Wer jetzt denkt, es gibt ein Kapitel zwei dieser Geschichte, ein Wiedersehen, eine Veränderung, eine Bedeutung, die diese Geschichte hinterlassen hat, der liegt wohl falsch. Es war nicht mehr als das. Er war nicht mehr als das. Nicht mehr als der erste Junge, den ich küssen wollte, und der Junge, den ich so gründlich abschüttelte.

Nicht mehr als der Junge, den ich heute mal bei Facebook eingegeben habe und dessen Badezimmerspiegelposerselfie-Profilbild ich gerade zwei Minuten entgeistert angestarrt habe.

Die Erkenntnis, dass ich keine Ahnung habe, wer er eigentlich ist.

Ampeln sind immer rot

Regen fällt auf meine Haut und läuft langsam meinen Arm hinunter. Die Ampel ist rot. Natürlich ist die Ampel rot. Immer sind Ampeln rot, außer sind sind es gerade nicht, aber dann denkt man ja auch nicht über sie nach, also sind sie praktisch immer rot, bis sie eben grün werden, aber das dauert irgendwie generell zu lange. Rote Ampeln guckt man viel länger an als grüne. In meinem Kopf sind Ampeln immer rot.

Ich stehe also an einer roten Ampel und es regnet. Das Wasser rinnt die Straße entlang. Ich habe meine Kapuze nicht aufgesetzt. Ich setze schon lange keine Kapuzen mehr wegen Regen auf. Nur noch wegen Wind. Ich mag es, wenn meine Haare vom Regen nass werden. Falls sie nass werden. Total oft werden sie einfach nur ein bisschen klamm und meine Kopfhaut bleibt trocken. So ist das mit dichten Haaren.

Wie früher als Kind strecke ich meine Hand aus und versuche, Regentropfen in meiner Hand zu sammeln. Und wie früher als Kind fallen überall viel mehr Regentropfen als da, wo meine Hand ist. Das ist wie mit der Ampel. Ampeln sind immer rot und Regen fällt nie genau in meine Hand. Bescheuert, das.

Wo Regentropfen übrigens immer hinfallen, das sind Brillen. Ich nehme meine ab und stecke sie in die Tasche. So dringend brauche ich sie dann auch wieder nicht.

Die Ampel wird grün. Ampeln sind immer rot, und jetzt wird sie grün. Aber ich gehe nicht rüber. Ich habe mich entschieden, dass ich doch gar nicht über die Straße will. Eigentlich will ich nirgendwo hin. Eine Frau mit Hund schaut mich merkwürdig an, als ich nach meiner Wartezeit an der Ampel statt über die Straße einfach wieder zurück gehe.

Ich will wieder nach Hause. Es gibt keine Zukunft. Nie gab es Zukunft. Zukunft war immer nur Schule, und daran denkt man nicht. Ein kleines bisschen Zukunft waren auch die kleinen Inseln namens Ferien. Die waren immer ewig weit weg, selbst wenn sie nah waren. Wenn sie kamen, war es immer toll, aber irgendwie fühlten sie sich immer auch ein bisschen an wie Seifenblasen. Ganz schnell waren sie so weg, als hätte es sie nie gegeben. Es bleiben nur Erinnerungen – Zukunft gab es nie. Nur Schule. Und jetzt erzählt mir irgendjemand, Schule wäre jetzt fertig. Das macht irgendwie Sinn, denn ich war zwölf Jahre da und seit ein paar Wochen nicht mehr, also muss sie wohl fertig sein. Aber dass jetzt etwas anderes kommen soll, das verstehe ich nicht. Wie kann es denn noch mehr Welt geben? Ampeln sind immer rot, Regentropfen fallen immer auf meine Brille und nie auf meine Hand, und es gibt immer nur Schule.

Ich will wieder nach Hause. Ich will nicht zur Schule, nicht weiter, ich will einfach nur zu Hause sein. Ich will gar nicht woanders hin. Im Sommer bleibt die Zeit eh stehen. Das ist so, weil sie ohne Schule ja schlecht weiterlaufen kann, oder? Eigentlich schwänze ich doch die ganze Zeit, oder?

Ich habe Schule immer gehasst. Man sagt, wenn man erst einmal aus der Schule raus ist, vermisst man sie. Bei mir ist das nicht so. Es gibt wenig auf der Welt, das mich dazu bringen könnte, zurück in die Schule zu gehen, selbst wenn es ginge. Nur irgendwie – irgendwie kenne ich nichts anderes. Ich kenne nur Schule. Zwölf Jahre lang jeden Tag dort gewesen, ein vertrautes Leid, ein bekanntes Ertragen, immer dasselbe, immer der Blick auf das dann, dann wird es besser. Eine Wüste, die mein zu Hause geworden ist. Wüste kenne ich. Mit Wüste kann ich umgehen. Wüste war doch immer schon. Wüste ist mein Leben. In der Wüste hat man Durst, man hat jeden Moment ein bisschen das Gefühl von Sterben, das ist so. Es geht nie weg, aber irgendwann ist es vertraut. Wüste.

Und jetzt stehe ich hier. Die Ampel ist grün. Das „dann“ von früher ist gekommen. Es gibt eine Zukunft.
Aber ich verstehe nicht. Es macht keinen Sinn. Ich weiß nicht, wie man das denkt, was nicht Wüste ist. Ich weiß nicht, wie man das lebt. Ich will nach Hause.
Wo ist zu Hause?