Wie du da saßt

(Wenn ich jetzt sage, dass ich das in meiner Deutsch-Vorabiklausur auf ein Löschblatt gekritzelt habe, kommt das dann komisch? – Egal. Die eineinhalb Minuten wars mir wert.)

Wie du da saßt
und geredet hast
von irgendwas

Und ja, spannend war das auch
und ich mag deine Themen
meistens

Aber eigentlich
wollte ich nur wissen
es hören

wie sehr du mich magst.

Life Hacks #2 – Beziehungen (aller Art)

Bewährte Strategien zum Überleben oder Besserleben aus erster Hand.

1. What’s in a name?
Oh, mehr als du denkst, mein Freund. Den Namen eines Menschen kennen und ihn damit anzusprechen ist ihn wertschätzen, ihn nicht einfach nur als irgendeinen Menschen wahrzunehmen, sondern als der, der er ist. Es ist so ein feiner rhetorischer Unterschied, der unbewusst so viel ausmacht. Also lerne Namen so schnell du kannst und sprich Menschen damit an! (Mini Life Hack: Nach Namen fragen und ihn innerhalb weniger Minuten direkt verwenden. Erhöht Wahrscheinlichkeit des Erinnerns enorm.)

2. Habs auf der Zunge
Ausgesprochene Wertschätzung ist so viel wertvoller als vermutete Wertschätzung. Manchmal glauben wir, der andere weiß doch eh, dass wir ihn gern mögen. Ist oft aber gar nicht der Fall. Also sprichs aus! Was du an dem anderen magst. Wie sehr du ihn magst. Und so weiter. Ich glaube, die Welt wäre ein besserer Ort, wenn jeder wüsste, was andere für Wertschätzung für ihn haben. Ach übrigens, dazu auch dieser Artikel, zwar schon eineinhalb Jahre alt, aber immer noch irgendwie nett: Komplimente, Komplimente

3. Verabschiedungsjunkies und Verabschiedungsmaulwürfe
Okay, das kommt jetzt einfach aus Beobachtungen aus so einigen Gesprächen. Es gibt das so zwei Extreme bezüglich Verabschiedungen, zwischen denen sich die Menschen bewegen.
Verabschiedungsjunkies. Ihnen sind Verabschiedungen wichtig. Vergisst du sie, sind sie irritiert und eventuell ein wenig verletzt.
Verabschiedungsmaulwürfe. Wissen nicht, dass einem so etwas wie eine Verabschiedung wichtig sein könnte. Tauchen dementsprechend regelmäßig still und heimlich ab.
Also, zum Wohl aller: Ihr Maulwürfe, verabschiedet euch wenn möglich persönlich von allen, die euch wichtig sind. Ihr Junkies: Seid nicht böse und wisst, dass die Maulwürfe nicht euch weniger wertschätzen, sondern wirklich nur den Brauch vom Verabschieden.
Auf dass viele Missverständnisse so geklärt seien.

4. Klare Verhältnisse
Wenn man Menschen so fragt, ist jeder für klare Verhältnisse. Viele sind aber zu feige, sie zu schaffen. Mein Guide zu klaren Verhältnissen:
1) Werde dir klar, was du willst, was dein Standpunkt ist.
2) Überlege dir, in welcher Gelegenheit du das am besten zur Sprache bringen kannst.
3) Machs.
Gar nicht so schwer, oder? – Und wenn danach alle wissen, woran sie sind und wie sie miteinander umgehen können, dann war es das doch wert. Auch wenn man dafür manchmal durch (sehr, sehr) merkwürdige Situationen gehen muss.

5. Fragen statt interpretieren
Geht ein bisschen einher mit dem klare-Verhältnisse-Ding. Es ist nämlich so: Egal, wie gut du eine Person zu kennen glaubst und egal, wie sicher du dir bist, dass sie etwas so meint und so denkt – komplett richtig liegst du nie. Also Vorsicht mit Annahmen darüber! Das gilt ganz besonders, wenn es um zwischenmenschliche Themen geht: A kritisiert mich doch nur, B steht auf C, D fühlt sich zu cool für mich, E brauchen wir gar nicht erst fragen, der ist nicht der Typ dafür, F macht das alles doch nur, um mir zu beweisen, wie viel besser sie ist, und für G war das bestimmt wieder nur eine willkommene Ausrede. Sicher? Eine Beobachtung von mir ist, dass negative Vermutungen über die Einstellungen von Menschen sich selbst füttern, dadurch wachsen und immer überzeugender erscheinen, ohne davon wahrer zu werden. Also lasst uns lieber aufhören, uns so sehr auf unsere eigenen Interpretationen zu verlassen, und lasst uns lieber dem Menschen selbst zuhören, was er dazu zu sagen hat.

Ein vorzeitiger Liebesbrief

Hallo du.

Ich bin Sina, und ich warte auf dich. Ich bin nicht ungeduldig. Das darf alles noch Zeit haben – ich bin ja erst sechzehn – und Liebe ist nichts, was verkrampft gut funktioniert. Ich sollte vielleicht erst mal wissen, wer ich überhaupt bin und was ich so will in meinem Leben, bevor das mit uns beiden was wird. Ich warte einfach nur auf dich und denke ein bisschen über dich nach.

Du bist ein Kämpfer, das weiß ich. Das männliche Herz ist kämpferisch. Ich freu mich schon auf die Schlachten, in die wir beide ziehen werden, denn mit mir wirst du eine Kriegerin an deiner Seite haben, weißt du. Wir beide werden geschlossen nebeneinander stehen, machtvoll, eins.

Ich werde definitiv eine Herausforderung für dich sein. Mit meinem Bedürfnis nach Tiefe, meinen manchmal gegensätzlichen Stimmungen und meinen irgendwie feuerwerk-explosionsartigen Impulsen der Kreativität. Ich glaube, du wirst stabil sein müssen, ein Fels in der Brandung, sonst klappt das nicht.

Wir werden verrückte Dinge miteinander machen. Ich weiß zwar noch nicht, wie du bist, aber ich kenne mich selbst gut genug, um das sagen zu können. Vielleicht werden wir uns mitten in der Nacht spontan ins Auto setzen und ans Meer fahren. Vielleicht kannst du ja Longboard fahren und dann bringst du es mir bei. Ich werde dir Lieder auf der Ukulele schreiben und vielleicht kannst du ja singen. Vielleicht werden wir mal paragleiten oder probieren Bungee jumping aus. Und wahrscheinlich werden ganz ungeplant die besten Momente entstehen. Jedenfalls wird es von uns Geschichten zu erzählen geben. Da bin ich mir ziemlich sicher.

Und ja, ich weiß, dass Beziehungen auch hart sind und Arbeit bedeuten, aber ich werde dann bereit dazu sein, gegen Resignation und Bitterkeit zu kämpfen und auch gegen die anderen Schwierigkeiten, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe, und ich werde bereit dazu sein, immer wieder neu dich kennenzulernen und zu verstehen und dir zu vergeben. Und du wirst auch bereit dazu sein. Und dann wird das lohnenswert sein.

Und ich sag dir mal was. Der Zeitgeist sagt manchmal komische Sachen über euch Männer, Hauptsache sensibel und verständnisvoll, effektiv und vorhersehbar und harmlos und bloß nicht aggressiv und solchen Kram. Hör nicht drauf. Richte dich nicht danach, sonst will ich dich nicht. Für mich darfst du ruhig wild und ungezähmt sein, mutig und kämpferisch und stark. Du brauchst einen Zugang zu deinem Herz. Erst dann bist du lebendig und in der Lage, irgendetwas zu lieben, zum Beispiel mich. Lass dir diesen Zugang nicht von falschen Idealen und Erwartungen verstopfen. Und bitte töte ihn nicht ab mit Party, Alkohol und fehlgeleiteter Sexualität. Und pass auf, dass sich dort keine Bitterkeit absetzt wie Kalk in einem Wasserrohr, bis es nichts mehr durchlässt. Das Herz in dir drin darf voller Feuer und Energie sein, bewegt werden und schmerzen und freuen und standhalten. Lebendig sein halt.

Das wird gut mit uns zwei, und ich freu mich drauf. Ich hoffe, dir gehts gerade gut und du hast gerade Spaß an deinem Leben.

Ich überlege mir gerade, ob und wann und wie du das hier lesen wirst. Vielleicht kommen wir zusammen und irgendwann zeige ich es dir, und du wirst dich kaputt lachen, wenn du es ließt. Vielleicht wirst du auch in einem dämlichen Ausnahmezustand von Verliebtsein meinen Blog durchforsten und auf das hier stoßen. Vielleicht ließt du das aber auch jetzt schon, heute. Wenn ja, dann musst du dich unbedingt mal als du erkennbar machen, denn dann will ich dich kennen lernen, so richtig, meine ich.

Aber bis dahin bleibe ich hier und warte und denk ab und zu mal über dich nach und hoffe, dass du in der Zwischenzeit ne ordentliche Lebensgeschichte schreibst. Schreib heute ne gute Lebensgeschichte. Ich versuchs auch.

Ich liebe dich – dann irgendwann jedenfalls.
Sina

Unsere Eltern

Unsere Eltern.
Ach ja.
Inzwischen sind wir sprachlos geworden, sehen sie nur stumm an.

Wie viel sie doch falsch gemacht haben. Haben uns nicht so geliebt wie sie gesollt hätten, uns nicht so behandelt, wie es am besten für uns gewesen wäre. Tun sie auch immer noch nicht. Schadeten uns, sodass sie uns mit einer an manchen Stellen guten, an mancher Stellen schlechten Prägung ins Leben entlassen. Aber noch sind wir ja zu Hause.

Sie wickelten uns und fütterten uns, retteten uns heldenhaft, wenn wir nachts unsere Betten vollgekotzt hatten, brachten uns zum Kindergarten und wischten mehr oder weniger geduldig das gefühlte 8476ste umgekippte Glas auf. Sie wuschen und waschen unsere Wäsche und machen Essen, fahren uns durch die Gegend. Die ganzen Opfer, was sie alles in uns investiert haben.

Und ja, das ist alles viel und gut, und wir sind dankbar.
Aber sie wollen auch Sachen, die wir ihnen nicht geben können. Wie wir sein sollen und wie wir handeln sollen und wie und wo wir uns investieren sollen. Mehr lernen, mehr mithelfen, dankbarer sein, nicht so, sondern so, aber wir sind sechzehn, siebzehn. Wir gehen eigene Wege und ihr Mandat, in unser Leben zu sprechen, nimmt ab. Jetzt, wo wir sehen, was sie all die Jahre mit uns gemacht haben. Wo wir ihre ganzen Schwächen und Verletzungen und Verbitterungen sehen. Wo wir sauer sind, weil sie uns nicht all das gegeben haben, was gut für uns gewesen wäre, was uns zugestanden hätte – unserer Meinung nach. Wo wir ihre Ansichten sowieso intuitiv wissen. Jetzt wollen wir ihnen nicht mehr zuhören.

Wir sind sauer, schockiert, wegen dem, was wir wegen ihrer Fehler eine halbe Ewigkeit lang an schlechter Prägung mit uns herum tragen müssen. Wir schütteln den Kopf, wenden uns ab und hören auf, sie verstehen zu wollen, sie glücklich machen zu wollen, weil sie für uns nicht verstehbar sind. Die Augen gehoben suchen wir den Horizont ab nach der Richtung, in die wir gehen wollen, und spüren die Blicke unserer Eltern noch deutlich im Rücken. Manchmal ist es auch ihr Atem in unserem Nacken, zu nah, wir wollen weg, wollen raus, fort von ihren Augen und Bewertungen, Idealen und diesem ganzen Lebenssystem, in dem sie uns aufgezogen haben. Wir wollen alles besser machen und ärgern uns, weil wir jetzt schon wissen, dass das mit den Wunden, die sie uns zugefügt haben, verdammt schwer wird.

Wir wissen, dass wir nichts rückgängig machen können und unsere Eltern auch nicht, selbst wenn sie es wollen, wissen, dass wir unser Leben selbst in die Hand nehmen müssen und nicht in der Opferrolle bleiben können. Aber jetzt gerade sind wir trotzig gegenüber unseren Eltern.

Unsere Eltern, deren Eltern doch so viel falsch gemacht haben. Haben sie nicht so geliebt, wie sie gesollt hätten, sie nicht so behandelt, wie es am besten für sie gewesen wäre. Schadeten ihnen, sodass sie sie mit einer an manchen Stellen guten, an manchen Stellen schlechten Prägung ins Leben entließen. Unsere Eltern, die ihren Eltern den Rücken wandten und bei uns alles besser machen wollten, und doch stellenweise so versagt haben.

Unsere Eltern, die Respekt einfordern und Mithilfe und Gespräche und alles mögliche, und bei denen wir hin- und hergerissen sind zwischen dem Wunsch nach Nähe und dem immer stärker werdenden Bedürfnis nach Distanz, und bei denen wir nicht wissen, was wir noch gut finden. Und wir, im Zwiespalt zwischen Dank und Vorwurf, wir schauen unsere Eltern an mit all den unausgesprochenen Worten im Hinterkopf, von denen wir über die Jahre lernten, dass wir sie nicht sagen können, ohne einen großen Streit zu provozieren, schauen sie sprachlos an.

Ehre deine Eltern.

Ja, unsere Eltern.