Die Person im Spiegel

(Ein Appell von mir an mich)

Wenn du die Person, die dich im Spiegel ausdruckslos anguckt, nicht mehr magst,
Wenn du ihre Zeitverschwendung nicht mehr mit ansehen willst,
Wenn du verabscheust, wie sie handelt,
Wenn du ihre Ziellosigkeit nicht mehr ab kannst,
Wenn du ihren Umgang mit Leuten nicht magst,
Wenn du sie am liebsten durchschütteln würdest,
Wenn du am liebsten vergessen würdest, dass du das bist,

Dann wende dich vom Spiegel ab
und beginne, du selbst zu werden.

woandershin.

Will mich verkriechen, verstecken, verschwinden. Abhaun, in ein anderes Universum, in der es keine Zeit gibt, keine Eile und keine Sorgen. Keine Erwartungen. Will wegfliegen, raus aus dieser Welt. Woandershin, wo ich nichts sehen muss und nichts hören. Wo es ruhig ist, geborgen ist. Wo niemand nach mir fragt. Wo es keinen Wert gibt, den ich habe oder nicht habe, keine Schwächen oder Stärken. Kein Durchhalten. Wo ich mich ausruhen kann. Wo niemand ist, der mir Druck machen kann. Keine Vorstellung von mir, der ich genügen muss. Wo es dunkel ist, dunkel und leise. Und weich! Und entspannt. Tiefenentspannt.

Dorthin will ich, jetzt. Ich will, dass diese andere Welt mich aufnimmt und mich wiegt, bis alles von mir abgefallen ist, und noch länger. Eine kleine Ewigkeit.

Und dann will zurück hierher kommen und stark sein, voller Tatendrang, Energie und Präsens. Zurück kommen, und es schaffen können und Spaß daran haben. Frei sein von Schwäche und Ohnmacht. Mächtig will ich sein, mächtig und frei und schön.

Und ich selbst.

Hochsensibler Moment (2)

(Ein Moment, den jeder mal erleben kann, der aber meiner Beobachtung nach typisch Hochsensibler ist.)

Wieder im Bus. Ich weiß nicht, ob ich irgendeine Regung im Augenwinkel beobachtet habe oder so, aber auf einmal richtet sich mein Blick direkt auf ein Mädchen, dass auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Sie ist ein oder zwei Jahre älter als ich. Im Gegensatz zu mir fährt sie gegen die Fahrtrichtung, sodass ich ihr direkt ins Gesicht sehen kann.

Woran ich es bemerke, weiß ich nicht, aber für mich ist offensichtlich, dass es ihr nicht gut geht. Sie blickt ins Leere, ihre Augen sind matt. Daran ändert auch die Schminke nichts, obwohl diese ja immer strahlende und geheimnisvolle Augen verspricht, jedenfalls wenn man sich so schminkt wie sie. Ihre Lippen sind knallrot geschminkt. Sie kommt mir vor wie eine vergessene Puppe, die auf dem Regal verstaubt.

Warum weiß ich das oder glaube zumindest, es zu wissen? Warum sehe ich sie überhaupt so bewusst an und warum mache ich mir überhaupt Gedanken?

Ich bete kurz für sie und lasse sie und ihre Geschichte wieder los.

Zwei Welten

Stillstehen.
Zwischen zwei Welten.
Mit dem Kopf woanders als mit den Füßen.
Mit dem Herz woanders als mit dem Verstand.
Mit den Träumen woanders als mit dem Sein.
Jetzt.

Künste, die ich erlernen möchte:

Ruhig zu bleiben, überlegt zu handeln, überlegt reden, die entscheidenden Worte sagen und den Rest weglassen.

Wut und Rachebedürfnis zu begraben, wenn ich sie nicht brauchen kann.

Mich entscheiden können. Für das richtige, meine ich. Entschlossener sein, wenn ich dann eine Entscheidung gefällt habe.

Trotz und trotzige Gedanken erkennen, wenn sie da sind. Sie als solche wahrnehmen können und als solche behandeln, und nicht als Tatsachen und durchdachte Fakten.

Konstant zu lieben und zu freundschaften. Durch Kleinigkeiten nicht launisch auf sie zu reagieren. Freunden ehrlich und mit ganzem Herzen eine Freundin zu sein, und nicht nur halbherzig, und trotzdem nicht aufdringlich sein oder Druck auf sie auszuüben.

Rückspiegelmenschen

Wenn man ist wie ich, reicht manchmal ein Rückspiegel, um über Menschen zu philosophieren.

Weißt du, ich saß im Auto, Beifahrersitz, und hab mir einen Spaß daraus gemacht, die ganze Zeit nur in den Rückspiegel zu gucken. Ergebnis: Man sieht nicht besonders gut, was kommt, sondern nur, was hinter einem ist. Ach. Und es kann einem schlecht werden.

Es gibt irgendwie auch so Menschen, die ihr ganzes Leben nur im Rückspiegel sehen, oder? Da kann einem auch von schlecht werden.

Weißt du, eigentlich macht es mehr Spaß, vorne raus zu gucken.