Anderer Kinder Eltern

„Was machst du eigentlich hier? Hast du nicht frei? Warum bist du nicht bei deiner Mama?“

Ich stelle vor: Die Art von Fragen, die mich sprachlos macht.

Hier gestellt von einer Frau in Mamas Alter mit Kindern in meinem Alter. Ich weiß, dass ihre Kinder in den Semesterferien auch nicht die ganze Zeit bei Mama auf dem Schoß sitzen, sondern lieber in der Weltgeschichte unterwegs sind.

„Warum sollte ich bei meiner Mama sein?“, frage ich also. Schön rein in die Wunde.

„Ach, wenn du in meinem Alter bist, wirst du mich verstehen.“

„Meine Mama ist da genauso entspannt wie ich.“ – Wenn nicht, sogar entspannter, füge ich in Gedanken hinzu. Sie ist nicht gerade die Kategorie Mutter, die ihre Küken am Nest fesselt. Eher die Kategorie, die ihre Küken hinaus schubst, sobald sie mit den Flügeln schlagen können. Und dann hinterher sieht, ob das mit dem Fliegen schon klappt. Hinterherspringen kann man immer noch.

„Ja, so hab ich früher auch gedacht. In deinem Alter hab ich das auch noch nicht verstanden.“

Weißt du, es gibt Kinder, die wollen nicht so werden wie ihre Eltern. Ich will vor allem nicht so werden wie anderer Kinder Eltern. Genetisch und psychologisch gesehen habe ich da ganz gute Chancen.

Paralleluniversen: Heute ohne mich.

Tausend Pläne entstehen in meinem Kopf.
Tausend Mal: „Was wäre wenn?“
Tausend Mal: „Vielleicht…“
Tausend Mal: „Aber…“
Tausend kleine Paralleluniversen, die es nur in mir drin gibt.

Tausend kleine Paralleluniversen, und in jedem wohne ich schon ein bisschen, fühle mich schon ein bisschen zu Hause. So, als wäre es bereits hier. Ich betrete sie, komme und gehe, so wie durch einen Kleiderschrank in magische Welten. Ich trampe durch die Paralleluniversen beim Spazierengehen, beim Fahrradfahren, in Vorlesungen, wenn ich nicht einschlafen kann, beim Zähneputzen, Zugfahren, Essen – eigentlich immer.

Manchmal ist das ganz schön anstrengend.

Manchmal wäre es viel schöner, einfach nur hier und jetzt zu sein. Einfach nur das sehen, was vor meinen Augen ist, und das zu tun, was jetzt gerade wichtig ist. Nur die Menschen, die gerade um mich herum sind.

Manchmal klappt das – nur hier und jetzt sein. Besonders gut klappt das, wenn es mir gut geht und wenn gerade die großen Dinge in meinem Leben sicher stehen. Aber dann wird die Wohnung gekündigt. Wohnung gekündigt, das heißt umziehen. Umziehen, das heißt, suchen und aussuchen. Das heißt, entscheiden müssen. Das heißt, irgendetwas verlieren und irgendetwas gewinnen, hoffentlich mehr gewinnen als verlieren.

Das heißt vor allem aber:
Unsicherheit.
Nirgends wachsen mehr Paralleluniversen als auf diesem Boden.

Mein Kopf ist von innen ziemlich groß. In meinem Kopf verbringe ich sehr viel Zeit. Nur Denken – oft ist mir das Beschäftigung genug. Aber jetzt gerade brauche ich mal Urlaub von meinem Kopf. Urlaub von all den Paralleluniversen, durch die mein Kopf unaufhörlich hindurch zappt, vor, zurück, wieder ein Neues.

Tausend Paralleluniversen, und ich höre nicht zu. Ich schaue nicht hin. Jetzt gerade mal nicht. Ich erzähle mir selbst, was ich sehe: „Guck mal, Sina, draußen regnet es. Eigentlich könntest du dein Zimmer mal wieder aufräumen. Da steht die Sonnencreme, die du endlich mal gekauft hast. Auf dem Piano steht das Lied, das du gerade lernst. Schau mal, auf der Kommode: Das Kreuz, das Glas, die Kerze, das Bild, das du in Malaysia gemalt hast. Und die Musikboxen. Dein Schmuckkästchen. Ach, da liegt ja auch das Portemonnaie. Der Teppich auf dem Boden. Oh, schau. Die Sonne bricht durch die Wolken.“

Das hier ist das einzige Universum, in dem ich wirklich bin. In dem ich sein muss. Hier bleib ich. Es geht mir gut.

Der erste Frühling

Für Mama.

Es ist der erste Frühling, wenn ich singend und freihändig die Straße herunter radle und dabei keine Jacke, sondern nur ein T-Shirt trage. Der erste Frühling, wenn alles grün wird und alles blüht und ich das beobachte, während ich mit Hausschuhen auf meiner Gartenbank vorm Haus sitze und einen Eiskaffee schlürfe. Ich lese zwei, drei vorhersehbare Liebesromane (die ich mag, weil sie so vorhersehbar sind) und wandere stundenlang durch die Stadt auf der Suche nach neuen Ecken, besserer Orientierung und faszinierenden Gedankengängen. Ich bin frei, so frei.

Ich nenne ihn den ersten Frühling, weil mich dieses Jahr nicht ein langer Treppenhausweg vom Frühling trennt, sondern nur eine Haustür. Und weil ich nach diesem Weg dann nicht zwischen einer Straße und einem Spielplatz lande, sondern in einem geschützt liegenden Vorgarten, der zu dem winzigen Häuschen gehört, dass ich nun seit sechs Monaten stolz bewohne – zusammen mit einer anderen rothaarigen, jungen Frau.

Es ist einer der ersten Pulli-Tage gewesen. Ich habe im Vorgarten gestanden und mich daran erinnert, dass laut Mama vor jedes Haus eine Bank gehöre, auf welche sich der Herr oder die Frau des Hauses von Zeit zu Zeit zu setzen habe, um sich des Lebens zu freuen und dabei ein schönes Bild abzugeben. Früher habe ich das nie verstanden. Nun habe ich die Bank zu unserem Haus vermisst – und mich gefragt, ob ich es wirklich bringen kann, im ersten Semester statt in eine Mikrowelle oder einen Staubsauger in eine Gartenbank zu investieren.

Es ist der erste Frühling, wenn ich mir zum Abendessen Brote schmiere und sie nicht in meinem Zimmer, sondern auf meiner Bank vor dem Haus esse. Der erste Frühling, wenn ich dabei den Duft von gemähtem Gras in den Lungen habe, der Sonne beim Untergehen zuschaue und die Straßengeräusche fast nicht mehr stören.

Herbstlaub

Auf den schmalen, von Wurzeln aufgebrochenen Asphaltwegen des Unigeländes bockt mein gliebtes, geerbtes grünes Fahrrad wie ein unwilliges Pferd, so, als würde es überhaupt nicht wollen, dass ich jetzt zur Uni fahre. Aber ich, ich will. Und bei solchen Dingen habe ich das Sagen. Ich schließe das Fahrrad ab, gehe durch die Drehtür und die zwei Treppen hoch. Zweites Obergeschoss, hinter den Slavisitik-Büchern, in dem kleinen Lesesaal mit den zwei Fensterfronten und den vielen kaputten Steckdosen, da ist mein Platz.

Ich liebe es, hier zu sein, wenn es noch kein anderer ist. Ich liebe die Gegenwart der Bücher, den Blick auf die Herbst-gelben Bäume vor den Fenstern und ich liebe die Ruhe, die selbst dann noch bleibt, wenn der Raum sich langsam füllt.

Es ist manchmal nicht leicht, hier zu sein. Damit meine ich nicht die Unibibliothek. Damit meine ich die Stadt. Die Gegenwart von ständig wechselnden, ständig fremden Menschen. Das ununterbrochene Orientieren in all dem, was neu ist, und das ist beinahe alles. Das ist nicht leicht für mich. Dann weine ich und telefoniere mehr mit meiner Mama, als ich meinem Stolz verraten will.

Gestern war ich im Wald. Das war schön, und die Ronja Räubertochter in mir, der die Bäume und die Tiere und der Wind Freunde sind, konnte ein bisschen Heimat finden. Im Wald sein, das ist gleich, ob man nun ein paar hundert Kilometer weiter hier oder dort ist. Deswegen mag ich das. Deswegen brauche ich das. Solange Blätter im Herbst gelb und rot werden und von den Bäumen fallen und solange sie im Frühjahr wieder neu wachsen, solange geht die Zeit weiter. Solange das vor meinen Augen geschieht, solange werde ich auch weitergehen, immer noch einen Schritt, immer weiter auf diesem Weg, der meiner ist. Das nächste Mal, wenn neue, zarte Blätter aus kleinen Knospen schlüpfen, wird ein Teil meines Schmerzes weg sein, weggefegt wie das trockene, tote Laub vom Herbstwind. Das hoffe ich. Daran klammere ich mich.

Langsam füllt sich der Raum und langsam füllen sich auch meine Gedanken. Die Dinge, die heute auf mich zukommen. Die Menschen, denen ich begegnen werde. Die Stituationen, denen ich lieber aus dem Weg gehen würde, wenn ich könnte. Es ist ein neuer Tag in diesem Neu von Leben, von Welt. Das kommt jetzt einfach auf mich zu. Bei solchen Dingen habe ich nicht das Sagen. Solche Dinge geschehen einfach. Ich versuche, Schritt zu halten. „Weiter“ ist das Wort – immer, immer weiter.

Universitätsbibliothek, der kleine Lesesaal hinter der Slavistik, herbstlaubsatte Bäume vor dem Fenster – eine neue Studentin schreibt.