Ich mag Baumärkte.

Die besondere Macht und Wirkung von Baumärkten ist ja allgemein bekannt, leider jedoch literarisch unterrepräsentiert. Das ist ein Defizit, dem ich hiermit entgegenwirke.

Ich erinnere mich an eine Unterhaltung, die ich als recht kleines Kind mal aufgeschnappt habe. Eine Runde Männer machte sich darüber lustig, dass sie bei Stress in der Ehe oder dem Bedürfnis nach Auszeit gerne in den Baumarkt gehen, während ihre Frauen eher Shoppen gehen. Ich habe das damals noch nicht verstehen können, doch etwas in mir erkannte sofort die Signifikanz dieses Themas und speicherte diese Aussage irreversibel ab.

Als Künstler sind Baumärkte toll, weil sie die Kreativität kolossal anregen. Zwischen Farben, Rohren, Schrauben, Baumaterial und Werkzeug entspinnen sich ganz neue Ideen und Gedankengänge. Alles ist zugegen, die Möglichkeiten sind schier infinit. Da werden die Gedanken weit und absurd, das Künstlerherz regt sich und blüht auf.

Als Mädchen sind Baumärkte toll, weil die Etikette mit dem Betreten der Filiale fällt. Baumärkte sind vermeintlich mal Männersache gewesen, aber das ist es ja vielleicht auch, was sie für Mädchen so grandios macht. In Restaurants, in Supermärkten, in der Schule, selbst an der Bushaltestelle gibt es unausgesprochene Auflagen, wie Mädchen zu agieren haben. In Baumärkten nicht. In Baumärkten dürfen wir (polemisch gesagt) endlich mal Mädchen sein, ohne dem entsprechen zu müssen, was die Gesellschaft daraus gemacht hat. (Und ich mag das halt, so Mädchen sein unter Männern und so, wisst ihr ja.)

Als gemeiner Mensch sind Baumärkte toll, weil sie schlicht gut für das Selbstbewusstsein sind. Alles bezeugt, dass du es selber kannst, dass du es drauf hast. Keine unnötigen Instruktionen, keine Anstalten, den Betrieb zu beschönigen oder idiotensicher zu machen. Steht der Kram halt auf Paletten herum – so ist das im Leben. Alles kannst du erwerben, als könntest du alles verwenden, als wüsstest du, was alles ist – traumhaft.

Halten wir abschließend fest: Baumärkte = guter Ort zu sein. Ich mag Baumärkte.

Schlicht unverfälscht

Nicht genau so passiert.

„Hast du dich eigentlich schon mal geschminkt? Ich meine – so richtig?“, fragt die eine Frau, in der ich irgendwie immer noch nur eine älter gewordene Teenagerin sehen kann.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. Meine Schminkerfahrungen beschränken sich auf Wimperntusche, Kajal, Concealer und Puder.
„Willst du mal so richtig geschminkt werden?“
„Okay“, antworte ich. Schaun wir mal.

Eine ganze Weile lang trägt sie verschiedene Mittel auf mein Gesicht auf, überlegt und vertuscht und hebt hervor, versucht nachzubessern und zu verändern. Schließlich ist sie so weit, schiebt mich vor den Spiegel. Stolz betrachtet sie ihr Werk.
„Schön“, sage ich. Und fremd, füge ich in Gedanken hinzu. Ganz fremd.

Ich gehe wieder auf mein Zimmer und schaue mich eine Weile im Spiegel an. Versuche, mich daran zu gewöhnen. Dann gehe ich zum Waschbecken und mache alles weg, die aufgetragene Veränderung, das Schönheitsideal, an das ich angepasst wurde, den ganzen Kram, der meine Haut kaputt macht, all das wasche ich ab, wasche ich weg. Mein Spiegelbild sieht wieder aus wie ich, ganz unverzerrt und ehrlich, die Macken und Kanten wieder offen und ungeschliffen, auf dass sich ruhig alle daran stoßen.

Als ich zum Abendessen komme, nimmt sie enttäuscht zu Kenntnis, dass ich ihre ganze Arbeit zerstört habe. „Fandest du es denn nicht schön?“

„Doch, es war schon schön“, antworte ich. „Aber ich mag mich so lieber.“