Nicht ganz eine Liebesgeschichte

„Die beiden verdienen sich schon irgendwie gegenseitig, oder?“ – Mein Bruder

Sie:

Powerfrau. Gibt sich immer stark. Weiß immer, was sie will. Sie liebt das Geld und die Wirtschaft und ihren Vorteil daraus. Tiere findet sie viel spannender als Menschen. Andere Menschen versteht sie nicht. Oder nur sehr wenige. Die meisten sind für sie komisch und ein großes Rätsel, das es sich allerdings auch irgendwie nicht zu lösen lohnt. Sie ist ordentlich. Sehr sehr ordentlich. Ist jemand nicht ordentlich, regt sie das auf. Kommunikation? Höflich-distanziert. Manchmal so freundlich, dass es mir unmenschlich vorkommt, weil die Wärme fehlt. Gegenüber ist aus dem Raum? Die Wut kocht hoch. Wenn jemand ihre Regeln nicht einhält. Wenn jemand ihr zu nahe kommt. Wenn sie jemanden nicht versteht. Dann ist sie cholerisch und sagt Dinge viel krasser, als sie sie meint.

Er:

Gutaussehend, sportlich, nur selektiv nahbar. Ihn kennenlernen: Sehr schwierig. Spricht mit den meisten Menschen nicht. Warum, weiß nur er. Nicht so der Powertyp. Weiß nicht immer so ganz genau, was er will. Sich für etwas entscheiden und es durchziehen? Ihre große Stärke ist seine Schwäche. Ein Studium, das andere Studium, Ausbildung, und immer noch unterwegs. Ihre cholerischen Ausraster und Vernarrtheit in Tiere versinken bei ihm in stillen Wassern. Oft versteht er sie nicht. Dann guckt er mich mit einem Fragezeichen im Gesicht an. Wenn sie ihn nicht versteht, guckt sie ihr Handy an und geht ins Bett.

Sie weiß zwar oft nichts mit seinen Gedanken und Stimmungen anzufangen, aber sie hat einen Plan. Einen Plan im Kopf. Davon, wie ihr Leben weiter gehen wird. Wie es später aussehen wird. So, wie sie auch einen Plan davon hat, was wann wie geputzt werden muss und welches Geld wo landet und was ihre Aufgabe ist und wofür andere verantwortlich sind. Und er hat einen Platz in diesem Plan. Einen ganz festen. Sie weiß schon, wie er später in welcher Situation sein wird. Die Kinder, die Katzen. Wenn er in ihrer Nähe ist, ist sie aufgeregt. Das überdeckt sie mit einer Art professioneller Betriebsamkeit. Liebt sie ihn? Keine Ahnung, ob das Liebe ist. Wahrscheinlich ist es das Beste, was sie kann.

Er weiß nicht so genau, ob er das alles wirklich will. Sie. Diesen Plan. Seinen Platz in ihrem Plan. Schon jetzt richtet er sich irgendwie nicht danach. So funktioniert er eben nicht. Er sucht ihre Nähe – manchmal. Und dann auch wieder nicht. Ihre finanzielle Unabhängigkeit, sture Zielstrebigkeit – fühlt sich dem nicht gewachsen. So viel Gefühl verborgen in seinen stillen Wassern. Damit umgehen ist nicht leicht. Eine Entscheidung zu ihr treffen – irgendeine – ist ihm irgendwie unmöglich.

Nein, sie sind nicht zusammen. Keiner weiß so genau, wie das weitergehen wird. Ich habe aufgehört zu fragen. Alle haben aufgehört zu fragen. Sie zieht weg. Ihn sehe ich manchmal beim Inliner fahren. Letztens hat er mich sogar gegrüßt und es sah so aus, als würde er sich freuen, mich zu sehen.

Irgendwann in ein paar Jahren werde ich vielleicht mal nachforschen, wie es dann aussieht. Ob er sich doch für sie entschieden hat und damit vielleicht sogar glücklich ist oder ob beide dieses Kapitel abgeschlossen haben – ein Kapitel, das nicht ganz eine Liebesgeschichte geworden ist.

Eine Frau mit einem Geheimnis

Ich bin Sina, und ich bin eine Frau mit einem Geheimnis. Ein Geheimnis, das ich gut bewahre und nicht leichtfertig preis gebe. Es ist ein gutes Geheimnis, ein kostbares Geheimnis, so wie eine seltene, teure Perle. Ich weiß um diesen geheimen Schatz in mir, und ich hüte ihn wachsam. Er ist zu finden in einem sich ganz nahe kommen, fast schon eins werden von einem Mann und mir, so allgemein korrekt bezeichnet wahrscheinlich als Sexualität.

Jede Frau hatte mal dieses Geheimnis, dieses ganz nahe, intime Geheimnis, das noch ungeteilt und unangetastet war. Doch irgendwann gerät es in Gefahr. Internetfilme führen es vor, führen es auf. Gebrochene Vorbilder haben ihren Schatz von dem geheimen Ort weg in die Öffentlichkeit gebracht, wo er nun begafft, betastet und mehr und mehr entwürdigt ist. Perlen vor die Säue. Kleine Mädchen spüren Druck – ich muss. Alle machen. Soll so toll sein. Sonst fehlt mir Wert – nichts verpassen, dazu gehören, auch wer sein. Wissen gar nicht, wie kostbar dieser Schatz ist, sehen in ihm mehr einfach eine Funktion ihres Körpers. Und so beginnen sie, ihr Geheimnis zu teilen, mit einem Jungen, dann einem weiteren, bis mit Alkohol und Dessous eine Spielwiese aus ihr geworden ist, eine Spielwiese auf den Trümmern ihrer Würde, ihrer Selbstwertschätzung.

Es ist ein Kampf da, ein Kampf um das Geheimnis jeder Frau, ein Kampf, der geführt wird mit Erwartung, Druck, falschen Versprechungen, Pervertierung, Gewalt, Einschüchterung, Manipulation – dem Missbrauch des Bedürfnisses, geliebt zu werden, fehlgeleitet, ausgenutzt und vorgeführt. Ein Kampf, der uns erreicht durch Schulklassen, Freundeskreise, Filme, Werbung, Bücher, alles.

Ich bin Sina, eine Frau mit einem Geheimnis, und es ist meine Würde, es zu bewahren. Es ist meine Würde, es zu schützen und nicht antasten zu lassen, es aufzubewahren, und es wird meine Würde und meine Freude sein, zu seiner Zeit einen Mann an diesen Ort einzuladen und dieses Geheimnis mit ihm zu teilen, zu entdecken und zu feiern, in dem ganz geschützten und intimen Rahmen, wo es gut aufgehoben ist.

Es ist meine Würde, zu bewahren und es irgendwann zu verschenken. Damit schmücke ich mich, und nicht mit der Anzahl meiner Partner oder den vergangenen Erlebnissen oder dem Interesse, das ich auslösen kann.

Ich bin Sina, und ich bin eine Frau mit einem Geheimnis.