Da ist ein Junge

Kleine Gedanken eines Abends, an dem ich spät nach Hause gekommen bin und mich ganz friedlich gefühlt habe.

Da ist ein Junge.

Er und ich haben letztens zusammen eine Übung gemacht. Wir sollten etwas ausprobieren. Es war ziemlich lustig und wir haben beide etwas erkannt. Es war ein klitzekleines Erlebnis, das wir nun teilen. Vorher war da eine Aufgabenstellung, nachher war da ein „Er und Ich“.

Da ist ein Junge,

und heute hat er mich angelächelt und auf mich gewartet. Er hat gewartet, bis ich mir meine Jacke und meinen Schal und meine Mütze angezogen hatte, bis ich meine Mappe und meine Flasche in meinen Rucksack gepackt hatte, bis ich den Rucksack aufgesetzt hatte und fertig gewesen war. Dann sind wir beinahe schweigend die halbe Minute bis zu meinem Fahrrad gegangen. Ich hab mich gefragt, ob er auf mich gewartet hat, um mir noch etwas zu sagen. Aber er hat mir nur eine gute Heimfahrt gewünscht. Dann war er weg.

Da ist ein Junge,

und ich bin ein Mädchen. Mit einem Mädchenherz. Ein Mädchenherz, das ein bisschen wärmer und größer wird, einfach nur, weil da ein Junge ist, der mich anlächelt und auf mich wartet.

Ich weiß nicht, ob er etwas sagen wollte und sich nur nicht getraut hat.
Ich finde es gut, dass er nichts gesagt hat. Es gab nichts, was ich hören wollte. Es gab nichts, auf das ich antworten wollte.

Da ist ein Junge, und er hat heute mein Herz warm gemacht und wahrscheinlich keine Ahnung davon. Das ist auch gut so. Ich bin ein Mädchen, und ich bin leicht zu beeindrucken. Aber das braucht ja keiner wissen. Ich lasse mich gerne beeindrucken, und dann behalte ich es für mich.

Ich bin ein Mädchen, und jetzt gehe ich schlafen. Morgen ist ein neuer Tag.

Windräder und verendete Helden

Als ich dich im Bus sah – du saßt über den Gang mir schräg gegenüber – als ich dich da sah, und deine mittellangen braunen Zottelhaare, durch die ich gerne mit meinen Fingern gestrichen hätte, weil sie weich aussahen, und deine braunen Augen und deine schiefen Lippen – und als du dann geseufzt hast, nachdem du fünf Minuten reglos aus dem Fenster geschaut hast, und dein Smartphone aus deiner Jeans geholt hast um widerwillig mit dieser Welt in Verbindung zu treten, mit der Welt und deinem Leben und den Leuten, die in dir nur sehen, was ihnen passt – da dachte ich mir so ganz still:

Schon wieder. Schon wieder ein verendeter Held, der keine Schlachten mehr kennt, und der sich stattdessen mit Profilbildern von Menschen unterhält, die sich wahrscheinlich selbst nicht mehr kennen, der in all dem Stress gelangweilt ist und viel macht und nichts ist. Schon wieder ein Held, ein gutaussehender sogar, wenn deine Augen, Junge, wenn deine Augen nicht so widerstandslos und angepasst wären, so ganz ohne Abenteuerlust, so ganz ohne jede sympathisch-männliche Aggressivität, die mit Gewalt nichts zu tun hat, so ganz ohne Grund, überhaupt zu kämpfen, so ganz ohne Freude. Nur Spaß ist da, oberflächlich, aber gerade nicht mal das, gerade tippst du in dein Smartphone. Ich könnte wetten, dass du einen lächelnden oder lachenden Smiley einbaust, der nichts von dir widerspiegelt. Und dann schaust du wieder hoch, aus dem Fenster, auf das Feld, die Windräder, die sich drehen und drehen und auch dieser Kampf ist sinnlos.

Ich schaue dich an, immer noch, in dein Gesicht. Du hast eine Narbe an der Schläfe – ich würde gern die Geschichte dazu hören und ich hoffe, dass sie sich lohnt. Vielleicht ist sie ja ein Zeuge davon, dass du lebst, oder gelebt hast, denn jetzt gerade so wirkst du tot, mein Freund mit den braunen Zottelhaaren, deinen schokobraunen Augen und dem schiefen Mund, tot. Lebendig begraben in einem Sarg aus ständiger Erreichbarkeit, Sicherheit und Bequemlichkeit, aus Erwartungen und Spaßhülsen, und du darin, tot und tot und immer noch nicht lebendiger.

Vielleicht bist du ja doch lebendig und hast nur einen schlechten Tag, kann ja immer noch sein, aber dein Outfit sieht zu durchdesignt aus, als dass das stimmen könnte. Ich will deine Haare durchwuscheln, weißt du, und dein Gesicht könnte so leicht verwegen und kriegerisch und attraktiv aussehen, aber deine Augen, deine Augen … Ich würde dir gern dein Handy aus der Hand nehmen und es abschalten, dir deine Sicherheit und deine Bequemlichkeit nehmen, und gucken, was passiert; dein Helden-Ich wachkitzeln und mit dir abhauen, weg von allen Erwartungen, vielleicht ans Meer. Ich würde dir ein Schwert in die Hand drücken und dein Herz in Flammen stecken. Dich frei lassen. Nur aus Neugier, was wäre wenn, und wer du wohl eigentlich bist.

Aber das mache ich nicht. Tot bist du, und das tut mir auch leid, aber was soll ich an deinem Grab stehen? Wecken kann dich immer noch ein anderer. Ich werfe dir einen Blick zu wie eine Blume aufs Grab, während du ohne jede Gesichtsregung irgendjemandem ein Herz schickst. Vielleicht, falls wir uns nochmal wiedersehen und ich die Gelegenheit bekomme, deine Haare endlich anzufassen, dann pikse ich dich, bis du aufstehst aus deinem Grab, bis du die Friedhofmauern sprengst und wir im Sommer in Decken gekuschelt die ganze Nacht auf dem Dach sitzen bleiben und Cocktails trinken können.

Ich steige aus dem Bus aus, und der kühle Wind schlägt mir ins Gesicht. Die Augen zusammen gekniffen gehe ich weiter, die Stadt, die Schule, ein Sarg voller verendeter Helden, die keine Schlachten mehr kennen, sich selbst nicht kennen, in all dem Stress gelangweilt, viel machen und nichts sein, Augen widerstandslos und angepasst, ohne Abenteuerlust, ohne Grund zu kämpfen. Und die Windräder drehen sich und drehen und drehen und auch dieser Kampf ist sinnlos.