An die Mörder

Leute, wacht auf! Augen auf! Schaut doch hin, was ihr tut!

Ja, ist mir klar, dass ihr das nicht wolltet und nicht so genau darüber nachgedacht habt. War doch nur Spaß, na sicher. Für euch war es vielleicht Spaß. Aber für sie nicht. Ja, ihr, ihr seht immer nur auf euch. Seid bequem. Schaut nur vor das Gesicht und nicht mal in die Augen, geschweige denn ins Herz. Menschen, die mit euch nicht auf einer Wellenlänge sind, werden runtergemacht.

Wisst ihr denn nicht, was für eine verdammt vernichtende Macht eure Worte haben können, und wenn sie noch so klein, witzig und unscheinbar zu sein scheinen?

Wisst ihr denn nicht, dass das das Problem mit Menschen, die euch „nerven“, nicht in deren Art liegt, sondern in eurer Unfähigkeit, mit ihnen angemessen umzugehen?

Wisst ihr denn nicht, dass es jeder einzelne Mensch auf diesem Planeten verdient, in Würde und Ehre behandelt zu werden?

Ihr tötet! Versteht das doch! Mit jedem kleinen Kommentar, mit jedem abschätzigen Blick, mit jedem lästernden Wort tötet ihr sie. Ihr foltert sie langsam und qualvoll zu Tode. Ihr löst in ihr einen Schmerz aus, mit dem sie nicht umzugehen weiß, mit dem niemand umzugehen weiß.

Ich weiß. Keiner hat es leicht in dieser Welt, und ihr wurdet selbst auch verletzt. Das ist nur eben keine Lizenz dazu, dasselbe zu tun. Auch ihr verdient Würde und einen ehrenvollen Umgang. Also gebt ihn! ALLEN!

Das ist nicht meine Sicht der Dinge, dass es auch dämliche und bescheuerte Leute gibt, die keine Wertschätzung verdienen. Wenn ich die Welt ansehe, sehe ich tolle, fantastische und bezaubernde Geschöpfe mit einem Bedürfnis nach Liebe und Zugehörigkeit, von denen keiner getötet werden soll. Keiner. Keiner. Überhaupt gar keiner. Ihr nicht und sie nicht.

Hab ich mich klar ausgedrückt?

Mein Brief an Jeanne

Salut Jeanne,

oder soll ich Jeanette sagen? Oder Johanna? Oder „die Jungfrau von Orleans“? Ich glaube, ich nenne dich erst mal Jeanne, so wie die, mit denen du viel zu tun hast.

Ich bin Sina, ein 15-jähriges Mädchen, und ich würde dich gerne kennen lernen. Du hast Frankreich von den Engländern befreit – beziehungsweise bei der Wende stark mitgewirkt. Und selbst wenn ich nicht nachvollziehen kann, warum du Frankreich als so heilig ansiehst – schließlich ist es das Franzosenland – bin ich neugierig, wie du so bist. Ich hab jetzt drei Bücher über dich gelesen, ein richtig gutes und zwei richtig schlechte. So ein bisschen was weiß ich also schon über dich. Ich würde gern hören, was du zu dem sagst, was da so über dich steht. Besonders zu den beiden schlechten Schriftstücken – das eine, wo du (weil für Jugendliche angeblich besser geeignet) als naives, dummes und wildes Mädchen beschrieben wirst, und das andere, das dich als katholische Heilige darstellt und (weil sonst nicht heilig genug) ganz bewusst die Hälfte der Informationen weglässt. Ich glaube, du wirst entweder richtig laut lachen oder ausrasten.

Ich bewundere deine Geradlinigkeit, Jeanne. Dein entschlossenes Losgehen und Durchpowern. Du hast eine Entscheidung in aller Konsequenz getroffen. Du hast dich nicht abhalten lassen, sondern hast gekämpft und viele, viele Menschen mitgezogen. Und trotzdem bist du in Kontakt mit Gott geblieben. Deine Überzeugungen sind unerschütterlich. Du stehst unerschrocken zu dem, was du glaubst, und bietest damit allen die Stirn. Ich glaube, ich kann sehr viel von dir lernen. Du zeigst mir irgendwie, was es heißt, ausgesandt zu werden.

In deiner Art, mit Menschen umzugehen, bist du ganz besonders ein Vorbild für mich. Du bist nicht scheu oder schüchtern. Du hast keine Angst vor Leuten. Du vergötterst niemanden. Du lässt dich nicht einschüchtern oder manipulieren. Keiner ist dir zu hoch oder zu niedrig; es ist eher so eine Ebene, oder? Du bist einfach respektvoll und freundschaftlich, du ermutigst, begeisterst und weist zurecht. Du bist in der Lage, in anderen Selbstvertrauen und Mut zu wecken.

Und trotzdem bist du verletzlich. Du weinst. Und das macht mir auch Mut. Du bist ein Mädchen wie ich. Du hast auch Schwächen – zum Beispiel für schöne Rüstungen. Verstehe ich. Welches Mädchen will nicht schön sein? Weißt du, ich habe dieses Jahr auf einem Feriencamp ein Kettenhemd angehabt – das war auch toll. Wie muss dann erst eine Rüstung sein? – Und ich glaube, ich verstehe auch deine Enttäuschung und deine Verbitterung, als auf einmal nur noch Desinteresse für dich da war, sobald du in Feindeshand gelandet bist. Menschen sind irgendwie immer noch nur Menschen, daran hat sich noch nie etwas geändert.

Ach Jeanne, ich mag auch einfach deine Art. Deine Schlagfertigkeit, deine Klugheit, deine Wildheit, all das. Ich würde dich gern mal einladen. Wir könnten zusammen was essen und dann nen langen Spaziergang machen, bei dem du mir alles erzählst, wie es wirklich war. Ich will von dir lernen und ich will deine Meinung zu meiner Situation hören. Wenn es dann spät ist, kannst du auch bei mir übernachten. Wie haben ein Gästebett, da kannst du schlafen.

Ich schreib dir einfach mal, wann ich so Zeit hab, und du kommst vorbei, wann es dir passt, okay?

Ich freu mich auf dich!

Sina

Liebe Technik,

Ich weiß, du hast den Hang dazu, dich rasant immer weiter zu entwickeln und das ist ja erst mal auch gut so. Ich habe allerdings ein paar Bitten an dich.

Bitte bleibe so zuverlässig wie früher. Die Programme werden schöner und toller und immer mehr Schnickschnack, aber die Zuverlässigkeit leidet. Sachen stürzen ab, verschwinden, lassen sich nicht bearbeiten. Ich habe lieber ein Programm, das weniger kann, wenn ich mich auf das, was es kann, verlassen kann.

Bleibe so unkompliziert wie früher. Nur weil du jetzt mehr kannst, liebe Technik, darfst du jetzt nicht von uns erwarten, dass wir auch mehr können. Und nur weil du jetzt mehr Funktionen hast, darfst du nicht erwarten, dass wir jetzt mehr Zeit in dich und deine Unübersichtlichkeit stecken. Lass die Benutzeroberfläche einfach und übersichtlich.

Und werde endlich kompatibel zu anderen Anbietern und Vorgängermodellen und Dateiformaten und so weiter. Besonders du, Sorgenkind Apple. Du hast schon genug Dreck am Stecken. Mach wenigstens diese eine Sache gut.

Wenn du das beachtest, darfst du dich gerne weiterhin schön rum entwickeln, aber so, wie du dich jetzt durch die Welt buggst, bist du eher ätzend.

Liebe Grüße,
eine genervte Sina