Hinterfragt und aufgewacht

„Aber warum wollen Sie sich denn verändern?“,

fragt mich mein ehemaliger Deutschlehrer auf der Abiturentlassungsfeier. Was diesen Menschen unter anderem ausmacht, ist sein Hinterfragen von Dingen, die sonst irgendwie keiner hinterfragt. Ich habe ihm gerade von meinem Auslandsjahr erzählt und nebenbei erwähnt, dass ich verändert zurück kommen will. Und dann stellt er mir diese Frage.

Und ich bin sprachlos.

Irgendwie war das immer einfach so klar. Auslandsjahr heißt sich entwickeln. Alle sagen immer, so etwas ist total die prägende Zeit und so. Ich wollte das einfach auch.

Ich merke, wie unzufrieden ich mit mir bin. Die Art und Weise, wie ich mich benehme, wie ich wirke, wie ich mit meinen Gefühlen umgehe, was für eine Freundin oder Schwester ich bin, mein Egoismus, mein Trotz, mein Selbstwert… Das ist alles noch nicht so, wie ich das will. Ich bin das oft nicht gerne. Ich will mich entwickeln, um zufriedener mit mir zu sein. Außerdem kann man mit einem Auslandsjahr gut angeben und dann kriege ich Anerkennung. Auch das macht dann, dass ich zufriedener mit mir bin.

Irgendwo in mir zieht etwas ziemlich skeptisch die metaphorische Augenbraue hoch.

‚Warum wollen Sie sich denn verändern?‘, klingt es nach in meinem Herz. So viel, was in dieser Frage mitschwingt.

So viel Wertschätzung. So viel: ‚So, wie du bist, ist es doch gut.‘ Und auch, wenn mir das nicht zwingend gefällt, macht diese Wertschätzung sehr viel mit mir. Aber da ist noch mehr. Diese schlichte Frage malt ein großes Fragezeichen hinter mein immer weiter kommen wollen, immer reifer werden wollen. Hinter meine rastlose Jagd nach dem, wer ich gerne wäre, aber einfach nicht bin. Hinter meine Selbstkritik.

Ich seufze. Kaum hat man mal was, was ausnahmsweise mal alle toll finden, und schon taucht ein fast vergessener Mensch auf, stellt alles in Frage und hat damit auch noch Recht.

Natürlich werde ich gehen. Ich glaube, ich muss nur vorher noch mal gründlich bei meinen Motiven aufräumen.

Als ich mich später von meinem Lehrer verabschiede, sagt er zu mir: „Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit und verändern Sie sich nicht zu sehr!“ Ich grinse. „Ich werd mich bemühen!“ Und dann ist er weg, der weise alte Denker mit seinen Fragen, lässt mich zurück mit einer gesunden inneren Unruhe – einer Unruhe, die weiß, dass Selbstannahme nicht auf Veränderung beruhen kann.

Büchersehnsucht und pädagogischer Stumpfsinn

(Von vor meiner Pädagogik-Abiklausur)

All die Gedanken, die Menschen denken und aufschreiben. All die Tagebücher, Notizbücher, Skizzenbücher, die von irgendwelchen Stiften vollgeschrieben und vollgekritzelt werden. Stifte, die in Händen liegen, die gesteuert werden von dem motorischen Cortex des jeweiligen Gehirns, an das auch Augen und Ohren und Lippen angeschlossen sind. All die Worte und Bilder, die diese Menschen als wertvoll genug empfinden, sie aufzuschreiben.

Es ist nicht die Komplexität von Themen, die mich schnell in den Wahnsinn treibt. Nicht die Überforderung. Viel mehr ist es der Stumpfsinn. Der Stumpfsinn, wenn ich bedeutungslose Theorien für eine Klausur auswendig lernen muss. Wenn irgendeine Haushaltsarbeit zu lange dauert. Wenn ich keinen guten Input finde in den unendlichen Weiten des Internets und der Bücher, immer daneben greife.

Es kann alles so faszinierend sein, wenn man an der richtigen Stelle beginnt. Wenn man gute Autoren, Musiker, Künstler findet. Dann fange ich innerlich an zu singen und platze fast, weil es so gut ist. Wenn man aber an die falschen Stellen kommt, ist alles wie Sand, der einem durch die Finger rinnt und es bleibt nichts außer ein verdächtiges Knirschen zwischen den Zähnen, von dem man nie weiß, warum da Sand sein sollte, aber es ist irgendwie so.

Darf ich bewerten, was Sand ist und was faszinierend? – Wahrscheinlich nicht. Aber ich darf es fühlen, und sagen was ich fühle. Und gerade fühle ich Stumpfsinn. Pädagogischen Stumpfsinn, den ich gerade nach guter alter Bulimie-Manier in mich hineinfresse, um ihn morgen möglichst rückstandslos wieder von mir zu geben. Auf gestempelte Klausurbögen.

Wie viel lieber würde ich in die Bücher von Menschen schauen, die etwas sahen oder hörten oder spürten und daraus Schrift auf Papier machten, denen es gelang, so viel Echtes und Wahres und Schönes in Worte einzufangen, in Worten zu finden, und die ihre Bücher öffnen, für mich, damit ich komme und sie lese. Und ich will kommen und sie lesen! Was mache ich nur hier …