Eines Tages in einer malaysischen Mall

Nach einiger Wartezeit, Sprachverwirrung und Begriffsstutzigkeit meinerseits bin ich in einer von dunklen, verzierten Vorhängen abgegrenzten Kammer mit einer Liege in der Mitte und einem Spiegel an der Wand angekommen. Die gut gebaute Frau bedeutet mir, mich hinzulegen und schlüpft noch einmal durch die Vorhängen davon, vielleicht, um etwas zu holen. Langsam lege ich mich hin. Mir ist etwas unbehaglich. Was tue ich hier?, frage ich mich. Thai-Massage, seit wann mag ich so etwas?

Massage, das gehörte lange zu der Kategorie: So wie die Leute, die ich kenne und so etwas mögen, will ich nicht sein, deswegen probiere ich es lieber nicht, sonst mag ich es auch noch und bin irgendwie so wie sie. Außerdem ist es irgendwie neu und unsicher, und wenn ich es gar nicht erst probiere, dann brauche ich nicht das Risiko von peinlichem Anfänger-hat-keine-Ahnung-Verhalten eingehen.

Das Problem an der Sache ist, dass ich diese Kategorie schon vor einer ganzen Weile aufgelöst habe, weil sie irgendwie ganz schön dämlich ist. Und eigentlich mag ich ja den Rücken durchgeknetet kriegen. Er tut nämlich weh. Also liege ich jetzt hier und warte darauf, dass die Masseurin zurück kommt.

Sie kommt zurück. Sie befreit mich von der Kleidung obenrum, von der ich nicht wusste, ob ich sie auch ausziehen sollte oder nicht und setzt sich auf mich drauf. Einmal fühlt sie über meinen Rücken und Nacken, dann beginnt sie. Eigentlich ganz angenehm, denke ich. Und dann:

Schmerz. Was auch immer sie mir da in den Nacken drückt – Handballen? Ellbogen? – es tut weh. Richtig weh. Mein Körper spannt sich an und ich zweifel an meiner Entscheidung, mich hier hingelegt haben zu lassen. Dann lässt sie wieder ab, knetet mir woanders etwas durch, angenehm, Entspannung. Und wieder Schmerz.

In so viel Schmerz bin ich schon gewesen, seit ich von zu Hause ausgezogen und in ein Zimmer zwölftausend Kilometer weit weg eingezogen bin. So viel Schmerz, in allen Facetten, von dumpf bis schneidend, von konstant begleitend bis in einer schnellen, hohen Welle. Ich habe mich angespannt darunter, gekämpft und nach Lösungen gesucht, hin und her, hin und her mit meinen Gedanken und meinen Strategien. Ich dachte manchmal, es wird besser, und es wurde besser. Und dann kam wieder Schmerz, ein neuer oder der alte zurück, und ich habe das alles wieder angezweifelt. Ausgeliefert.

Merkwürdige Sachen passieren zwischen den Vorhängen: Plopsende Geräusche macht sie, als sie mir mit irgendwas, ihre Finger oder nicht, auf meine Schulterblätter dutzt. Sie fährt mit ihren Fingern durch meine Haare (mit dem Kommentar: „Oh, many“) und massiert meine Kopfhaut. Sie dreht mich auf den Rücken, streicht fest über mein ganzes Gesicht und zwirbelt meine Augenbrauen. Ich verstehe das nicht, aber irgendwie entspanne ich mich und genieße.

Verstehen tue ich hier so vieles nicht. Dieses ganze Land mit all seiner Kultur und den Menschen ist mir ein großes Rätsel. Ich verstehe auch viel nicht, was ich jetzt wohl bin, wie ich reagiere, was meine Gedanken und Gefühle machen. Tage und Wochen und Monate braucht es für mich, damit ich das trotzdem irgendwie nehmen kann, akzeptieren kann, mich nicht darunter anspanne.

Ich versuche, mich nicht anzuspannen. Die Masseurin bedeutet mir, ich soll mich entspannen, auch wenn etwas weh tut. Ich übe das. Mir bleibt nichts als darauf vertrauen, dass sie weiß, was sie tut, und mir das am Ende gut tut. Im Sekundentakt muss ich mich bewusst wieder entspannen, wenn sie ihre Finger fest an schmerzhafte Stellen legt. Konstant.

Und immer wieder loslassen, was mir schwer fällt, immer wieder noch einen Tag angehen, immer wieder mich erinnern an das, was ich schon gelernt habe, was ich genießen kann, dass es vorbei gehen wird. Immer wieder unter dem Schmerz entspannen, ihn nicht verkrampft bekämpfen, sondern vorüber ziehen lassen. Immer wieder. Vertrauen darauf, dass es mir am Ende des Jahres doch irgendwie gut getan hat. Dass Gott weiß, was er tut.

Und wieder und wieder bewegt und drückt die Masseurin ihre Hände auf meiner Haut in einer Weise, die mir so gut tut. Und ich entspanne und genieße und bin so froh, den Spottpreis bezahlt zu haben, den sie hier für die Massage verlangt haben.

Oasen gibt es, ja. Oasen, wo ich ich sein darf und keiner anderes von mir erwartet, von mir verlangt. Oh, gute Momente habe ich hier schon genossen und darf ich immer wieder genießen. Geschenke. So wunderbar schöne Geschenke.

Die Masseurin steht auf, setzt mich hin und nickt. Die Massage ist zu Ende. Ich bekomme meine Klamotten wieder und noch einen Tee und darf ein bisschen ausruhen, bevor ich wieder gehe. Gut wars. So gut. Ich fühle mich gestärkt.

Ich glaube, ich mag Massagen.


4 Kommentare

  1. Hallo meine liebe Sina, genieße deine Oasen Momente, aber auch die schmerzhaften Massage Momenten.
    ich habe dich lieb und wünsche dir hier mit einen schönen 2. Advent und einen schönen Nikolaustag.

    Deine Luci

  2. So schön geschrieben, tief reflektiert, unterhaltsam, einfach wunderbar. Ich hab den Eintrag Michael grad vorgelesen und wir haben es genossen, in Gedanken dabei deine Stimme zu hören.
    Gibt es irgendwas zum Anfassen, das auch in ein Päckchen passen würde, was du dir von hier wünscht?
    deine Beate

  3. Oh, wie schön. Danke :-)
    Für Schokolade finde ich hier immer gute Verwendung ;-) Sonst fällt mir gerade nichts so wirklich ein. Allerhöchstens Worte, die der Seele gut tun, sei es ein gute Schmöker oder Gedichte oder sonstwas.
    Ich hab dich lieb!

  4. Liebe Sina, bleib wie Du bist und schreib weiterhin so schöne Artikel. Ich lese sie sehr gerne und freue mich auf mehr. Viele Grüße aus „good ol‘ Germany“!


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